Lisa Sommerfeldt: Literatur, Kunst, Theater – das ist Nahrung, die jeder Mensch braucht

Die folgenden sechs Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die „was mit Büchern“ bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern bzw. mit Publishing?

Ich bin Schriftstellerin, Sprecherin und Schauspielerin und schreibe Theaterstücke und Prosa, im Moment arbeite ich an meinem ersten Roman. Und mein aktuelles Theaterstück „wing.suit“ bearbeite ich als Hörspiel, es wird 2020 produziert. Seit meiner Kindheit liebe ich Bücher, ich habe immer sehr viel gelesen und mit sieben Jahren meine erste Erzählung geschrieben. Und ich bin eine Bücher-Besitzerin, ich würde niemals ein E-Book kaufen, ich brauche meine geliebten Bücher wie eine Familie um mich. Ich gehe an meinem Bücherregal im Flur entlang und da sind sie: Sarah Kane, Sasha Marianna Salzmann, Stefan Zweig, Tolstoi, Virginia Woolf, Asli Erdogan, Thomas Melle, Fontane, Kafka, Nelly Sachs, Lucia Berlin. Ich lebe mit diesen Autoren und ihren Figuren, denn welcher lebende Mensch würde sich mir so umfangreich offenbaren wie eine Romanfigur? Ich lese Bücher, schreibe Theaterstücke, schreibe Prosa und als Schauspielerin und Sprecherin gehe ich mit Texten um, erwecke sie zum Leben, leihe ihnen meine Stimme, meinen Körper, meine Emotion. Literatur, Kunst, Theater – das ist Nahrung, die jeder Mensch braucht, Erzählungen geben Halt und Orientierung in unserer komplexen Welt. Die Kunst ist die Schule der Empathie.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Auch bei mir ist jeder Tag anders, es gibt keinen festen Rhythmus. Mal bereite ich eine Lesung vor, dann gehe ich zu einem Publikumsgespräch, besuche eine Theaterprobe, war in Schreyahn und Edenkoben als Stipendiatin. An Tagen, an denen ich zu Hause bin und keine Termine habe, kümmere ich mich erst mal um alle alltäglichen Aufgaben, beantworte Emails, schreibe Bewerbungen für Stipendien, überlege wie ich weiterarbeiten möchte. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles erst mal geregelt ist, ist es meist Nachmittag, es wird ruhiger und ich beginne zu schreiben. Ich schreibe aber im Grunde genommen immer, es arbeitet in mir, ständig schreibe ich mir selber Emails mit Notizen und Ideen.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Ich bin vom Schauspiel immer mehr zum Schreiben gegangen, beziehungsweise ist es eine Wellenbewegung, denn das Schreiben war immer da und stand ganz am Anfang. Über das Theater habe ich gelernt, was ein Text braucht, um auf der Bühne zu funktionieren, eine sprachliche Bühnenpräsenz zu entwickeln. Das wird heute leider oft vergessen. Aber ein Prosa- oder Filmdialog eignet sich nicht zwangsläufig für die Bühne. Heute schreibe ich fast ausschließlich. Und lebe davon. Leider ist die Entwicklung an den Theatern sehr schlecht für die Dramatik, es werden viele Film- und Prosaadaptionen gespielt und Stückentwicklungen produziert, Theaterstücke machen teilweise nur noch einen Bruchteil des Spielplans aus. Theaterstücke von Frauen und Autor*innen mit Migrationshintergrund kommen an vielen Theatern gar nicht vor oder nur ausnahmsweise. Die Theater befinden sich im Moment in einer seltsam selbstreferentiellen Filterblase und haben teilweise den Kontakt zum Publikum verloren. Aber das Theater lebt und wird den Wert der Dramatik wieder entdecken. Das hoffe ich sehr. Ich wage mich im Moment auch an die Prosa, schreibe meinen ersten Roman und im Dezember wird mein erstes Bilderbuch für Kinder in Zusammenarbeit mit der großartigen Illustratorin Krista Burger erscheinen.

Was ist ein Problem, für das Sie eine Lösung suchen?

Die Kunstfreiheit wird von der AfD bedroht, da heißt es extrem wachsam sein. Und es ist mir ein Rätsel, warum vermeintlich aufgeklärte Menschen die Kunst von Frauen und PoCs im Jahr 2019 weiter marginalisieren. Das gilt für Intendant*innen, Dramaturg*innen, Redakteur*innen, Jurys. Wir alle sind Kinder des Patriarchats und folgen seltsamen Zwängen, die immer wieder zur Ausgrenzung von Frauen und PoCs führen. Ich bin mittlerweile für eine Quote, denn ich habe den Glauben an eine zügige selbständige Entwicklung verloren und ich würde die Gleichstellung ganz gerne selber noch erleben. Außerdem gibt es immer noch den absurden Glaubenssatz, Künstler könnten besser arbeiten, wenn sie ausgebeutet werden. Das ist ein ganz großer Unfug. Förderung bringt die besten Kunstwerke hervor: Zeit, Ruhe, Konzentration und Geld. Und die Förderungen sollten familienfreundlicher werden. Es gibt sehr viele Anwesenheitsstipendien, die für Künstler*innen mit Kindern nicht wahrnehmbar sind, außerdem benachteiligen die absurden Ausschlüsse von Künstler*innen über 35 Jahre bei vielen Stipendien alle Künstler*innen mit Kindern. Denn die Kinder muss man nun mal auch möglichst vor dem vierzigsten Lebensjahr bekommen.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Ich freue mich über Kontakt zu allen, die sich für mehr Diversität in der Kunst einsetzen. Und ich freue mich über Nachspielungen meiner Stücke, Werkaufträge und über Anfragen für Lesungen, Interviews, Schreibworkshops und Podiumsdiskussionen. Gern schreibe ich auch Gastbeiträge für Zeitungen.

Wo finden wir Sie im Internet?

 

Foto (c) Janine Guldener


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