Maria-Christina Piwowarski: Meine Begeisterung für den Beruf der Buchhändlerin ist stetig gestiegen

Die folgenden sechs Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die „was mit Büchern“ machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Maria-Christina Piwowarski
Ich bin Maria-Christina Piwowarski, seit 2012 Buchhändlerin bei ocelot, not just another bookstore in Berlin.

Es hat einige Lesejahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass Literatur für mich mehr ist als ein privates Vergnügen und in welcher Form ich dem konkret beruflich nachgehen will und kann. Mit Ende 20 war ich dann aber endlich ausgebildete Buchhändlerin. Meine Begeisterung für diesen Beruf ist seitdem stetig gestiegen.

Wo sonst könnte ich so aus dem Vollen schöpfen, mich mit so vielfältigen Literaturmenschen verbinden, mich quer durch Programme und ganze Verlage lesen und vor allem so intensiv miterleben, wie die Begeisterung für gute Literatur weitergegeben werden kann ­– an die unterschiedlichsten Leserinnen und Leser? Wo sonst könnte ich tagtäglich hautnah erleben, wie sie noch immer DAS Medium ist, das Menschen am stärksten beeindrucken, am meisten begeistern, herausfordern, streicheln, bestürzen, aufrichten, prägen und selig machen kann?

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Sobald die Kinder morgens aus dem Haus sind, checke ich bei einem ruhigen Kaffee zum ersten Mal die Social-Media-Kanäle – die von ocelot und meine privaten, die sich allerdings auch fast ausschließlich um Literatur drehen. Ich beantworte erste berufliche Mails, weil es im Laden glücklicherweise oft zugeht wie in einem Taubenschlag und es manchmal Tage gibt, an denen so viel los ist, dass für aufwendigere Antworten keine Zeit bleibt. Um neun bin ich dann in der Regel im ocelot und mache eine ziemlich klassische Buchhandelsarbeit. Das bedeutet einfach auch wahnsinnig viel Auspacken, Bewundern, Aufräumen, Umsortieren, Geraderücken und vor allem Staubwischen. Und wenn die KundInnen dann kommen, ist es vor allem wichtig ansprechbar zu sein und gut gelaunt. Erst dann sind Beratungsgeschick und literarische Finesse gefragt. Ich versuche unter der Woche den Laden nachmittags pünktlich zu verlassen (und meinen tollen KollegInnen sei Dank, klappt das auch meist), weil ich dann Zeit für meine Kinder haben will. Wenn wir abends Lesungen oder Ähnliches veranstalten, komme ich natürlich wieder zurück, ansonsten sind der Nachmittag und der frühe Abend nochmal eine gute Zeit für Mails, Social Media, Recherche, Rezensionen und all das, was im Laden nicht in Ruhe zu schaffen ist. Dann wird gelesen. Wenn ich nicht täglich mindestens 50 Seiten schaffe, kriege ich literarischen Unterzucker.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Nachdem ich 2015 wunderbarerweise das Angebot erhalten habe, im ocelot das Tagesgeschäft leitend zu verantworten, sind ein paar neue Aufgaben auf meiner Agenda gelandet:

Das reicht von der Einkaufsentscheidung über die Koordination der Dienstpläne bis zur Überlegung, welches Schaufenster wir wie gestalten wollen. Alles immer in enger Absprache mit meinen KollegInnen, deren berufliches Gedeihen mir seitdem natürlich auch viel bewusster am Herzen liegt. Generell bin ich die erste Ansprechpartnerin, wenn es Fragen oder ungewöhnliche Herausforderungen gibt.

Außerdem habe ich mich sehr für das ocelot als Ausbildungsstelle für den Buchhandel eingesetzt und den hierfür nötigen Schein gemacht. Jetzt im September startet bereits unsere zweite Auszubildende.

Social Media ist tatsächlich immer wichtiger geworden, allen voran Instagram. Spätestens in den letzten zwei Jahren war förmlich zu spüren, wie relevant die Sichtbarkeit unserer buchhandelnden Arbeit in diesem Sozialen Netzwerk ist, wie gern die Menschen Anteil an unseren Gedanken und Erlebnissen nehmen möchten, weit über Berlins Grenzen hinaus.

Ich mache das sehr intuitiv und sehr authentisch, aber das passiert nicht nebenbei, sondern ist eine bewusste Entscheidung, die harte, wunderbare, sehr befriedigende Arbeit bedeutet.

Auch regelmäßig Bücher im Radio zu besprechen oder Lesungen bei uns zu moderieren, ist noch immer ein aufregendes, aber fabelhaftes neues Gefühl.

Was ist ein Problem, für das Sie eine Lösung suchen?

In Berlin würde ich mir noch ein stärkeres Zusammenarbeiten der ausbildenden Buchhandlungen wünschen. Es darf nicht jedes Jahr ein Risikospiel sein, ob die Buchhandelsklasse in diesem Jahr auch voll wird. Unser Beruf ist so großartig, es lohnt sich, ihn bewusst weiterzugeben, auch wenn es viele erfolgreiche Beispiele für Neugründungen von QuereinsteigerInnen gibt.

Ansonsten löse ich gemeinsam mit meinem Mann die auch 2018 noch weitverbreitete Herausforderung, wie man gleichzeitig seinen Kindern und der Buchbranche (und in meinem Fall konkret: dem Berliner Einzelhandel) gerecht wird.

Außerdem würde ich mich in aller Bescheidenheit gern klonen: Mein anderes Ich würde dann einfach lauthals singend durch die Straßen des Landes ziehen, gute Literatur gegen den grassierenden Kulturpessimismus vorlesen oder allen SkeptikerInnen erklären, warum eBooks toll und sinnvoll sind, ganz viele tolle KollegInnen in ihren Buchhandlungen besuchen und sie für das bewundern, was sie tun und vor allem wie, und ganz vielen Menschen davon berichten … , ach – ich darf gar nicht zu lange nachdenken, so viele Ideen kämen mir.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Ich liebe Besuche von KollegInnen aus aller Welt und den regen (virtuellen) Austausch zu Themen, die unsere tägliche Arbeit betreffen. Ich freue mich natürlich über alle Menschen, die auf der Suche nach guten Büchern zu mir und zu uns kommen, egal ob hier im Laden oder über unsere Sozialen Kanäle, aber da bin ich sehr vertrauensvoll, das passiert quasi von selbst durch das, was wir täglich leidenschaftlich tun. Was mich persönlich total inspiriert, ist, in engerem Kontakt zu den Menschen hinter den Büchern zu stehen. Ich freue mich wirklich immer unbändig, wenn mich außerhalb der VertreterInnenreise LektorInnen, ÜbersetzerInnen oder andere Verlagsmenschen auf ein Buch aufmerksam machen, an dem sie besonders hängen. Ich liebe es, Hintergründe zu erfahren, wenn die einzelnen Verlagsprogramme durch persönlichen Kontakt aus der großen Masse der Neuerscheinungen herausragen, wenn ich dadurch Backlist empfohlen bekomme, wenn ich die Entstehungsgeschichte mancher Bücher besser verstehen kann. Denn am Ende eines empfehlungsreichen Tages bin ich auch nur eine Leserin, die gut erzählte Geschichten liebt.

Wo finden wir Sie im Internet?

Auf:

Auf den Kanälen von ocelot:

Bildquelle: Maria-Christina Piwowarski

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