Christiane Brandes-Visbeck: Ich liebe es, Menschen zu treffen und vielfältig inspiriert zu werden

Die folgenden sechs Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die „was mit Büchern“ machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Christiane Brandes-Visbeck

Ich bin Christiane Brandes-Visbeck, habe in den 1980er Jahren Germanistik, Kommunikationswissenschaften und Öffentliches Recht an der Georg-August-Universität in Göttingen studiert. Als Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur und mit meiner Magister-Arbeit über „Bühnenanaweisungen in Goethes Faust“ habe ich kleinere Beiträge für eine monumentale Veröffentlichung meines Erstprüfers und Chefs beitragen dürfen, der 1994 im Klassiker-Verlag erschienenen “Faust”-Edition von Professor Dr. Albrecht Schöne.

Nach rund 30 Jahren relativer Buchbranchenferne und wechselvollen Erfahrungen als Führungskraft und Unternehmertum in Medien, Finanzwirtschaft und Weiterbildung habe ich mir 2015 in den Kopf gesetzt, ein leicht zu lesendes Fachbuch über Führung im Digitalen Zeitalter zu schreiben. Ich wollte Entscheider dazu anregen, ihren Leadership Style zu überdenken, um mit Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Lebens- und Arbeitsweise die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Inzwischen habe ich zwei Fachbücher zum Thema veröffentlicht: „Netzwerk schlägt Hierarchie. Neue Führung mit Digital Leadership“ mit Ines Gensinger (9/2017) und „Fit für New Work“ mit Susanne Thielecke (10/2018), beide im Redline Verlag.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Als „junge“ Fachbuchautorin, die natürlich nicht von ihren Buch-Honoraren leben kann, verdiene ich mein Geld hauptsächlich mit Vorträgen, Workshops und als Beraterin zu Kommunikation und Leadership im digitalen Zeitalter. Mein Alltag besteht aus vielen Stunden am Laptop im Homeoffice, um Artikel, Angebote und Konzepte zu schreiben, um meinen Reisen zu organisieren und Rechnungen zu stellen, aber auch und sehr gern, um meine Social-Media-Kanäle zu bedienen.

In den letzten Jahren habe ich natürlich sehr, sehr viel Zeit mit dem Schreiben meiner Buchmanuskripte verbracht. Für „Netzwerk schlägt Hierarchie“ habe ich fast zwei Jahre gebraucht, für „Fit für New Work“ nur noch sechs Monate. Das habe ich nur geschafft, weil ich wirklich einen fachlich und menschlich großartigen Lektor hatte und eine schnell schreibende, disziplinierte Co-Autorin.

Ungefähr ein bis zwei Tage pro Woche bin ich als Trainerin, Beraterin oder Vortragsrednerin im deutschsprachigen Raum unterwegs. An zwei bis drei Abenden pro Woche versuche ich, Netzwerkveranstaltungen zu besuchen, erfreulicherweise häufig auch als Moderatorin oder Gast auf dem Podium. Zusätzlich versuche ich, möglichst oft Fachkonferenzen und Digitalevents zu besuchen. Denn ich liebe es, Menschen zu treffen und vielfältig inspiriert zu werden.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Zeit verändert?

Ich habe schon immer von Innovationen, die die zunehmende Digitalisierung möglich machte, profitiert. Nach dem Studium war ich TV-Journalistin bei RTL und ZDF. Damals mussten wir Ticker-Nachrichten auf Papier abreißen und unsere Texte zum Tippen ins Sekretariat geben, damit die Ladies ihren Job nicht verlieren. Ich musste das auch, obwohl ich damals schon einen Laptop hatte und meine Texte in WordPerfect geschrieben habe. Später, während meiner Zeit als junge TV-Produzentin bei einer Bertelsmann-Tochter in Hamburg, hatten wir ein digitales Schnittgerät in der Redaktion stehen. Nachdem sich ein Kollege mit diesem AVID vertraut gemacht hatte, konnten wir für unsere Magazin-Beiträge eine ganz neue Bildsprache entwickeln, die mit sehr guten Zuschauerquoten belohnt wurde. Als ich Mitte der 1990er Jahre als Vertretungskorrespondentin in New York gearbeitet habe, lernten wir mit Online-Datenbanken zu recherchieren (man musste schnell sein, denn die Nutzung war sehr teuer) und analoges Bildmaterial per FTD-Server hochzuladen und weiter nach Deutschland zu beamen. All das, was mir als Medienschaffende das WLAN ermöglichte, grenzte schon an Zauberei. Da ich auch privat einen AOL-Internet-Zugang hatte, konnte ich sogar als Freie Aktuelles viel besser recherchieren als meine festangestellten Kolleg_innen in Deutschland. Zurück in Hamburg wurde ich – wieder bei Bertelsmann unter Vertrag – Deutschlands erste Online-Chefredakteurin. Mit 100 Redakteur_innen und freien Mitarbeiter_innen haben wir multimedialen Content u.a. für die Webseiten und WAP-Kanäle von AOL, Telekom und Vodafon produziert. Jedes Jahr zur CeBIT durften wir für ein neues Telco-Device innovative Content-Anwendungen entwickeln. Alle diese Jobs „on the cutting edge“ habe ich sehr geliebt.

Nach der Gründung meiner Agentur Ahoi Consulting in 2004 wollten meine ersten Kunden Websiten mit Killer-Content. Natürlich habe ich bald darauf mit Social Media experimentiert, aber interessanterweise trotz meines journalistischen Backgrounds kaum gebloggt. Ich war damals der Meinung, ich hätte nichts wirklich Wichtiges zu sagen.

Heute macht mir die Arbeit mit sehr unterschiedlichen Partner_innen, Kund_innen und Auftraggeber_innen auch deshalb großen Spaß, weil ich immer wieder aufs Neue herausfinden muss, wie ich mit ihnen am effektivsten kommuniziere. Mögen sie Emails oder Slack? Sind Nachrichten über Messenger und Social Media akzeptabel? Wird Collaboration über Facebook, Google Apps oder Zoom zugelassen? Und: darf ich meine Konzepte und Präsentationen per WeTransfer verschicken? Ist es wirklich okay, auch mal anzurufen oder fühlt sich meine Ansprechpartnerin durch das Summen ihres Smartphone bei der Arbeit gestört? Ich bin fest davon überzeugt: Wer die Kommunikationsweisen von Organisationen kennt, kann auch viel über die vorherrsche Unternehmenskultur ableiten.

Auch wenn man mich selten ohne mein Smartphone antrifft, über das ich Nachrichten, Blogposts und Social-Media-Beiträge aus meiner Filterblase aufrufe, lese ich Bücher interessanterweise immer noch am liebsten als Hardcover oder Paperback. Warum das? Eine Studie aus Skandinavien hat herausgefunden, dass es Schüler_innen ebenso geht. Sie wollen erleben, wie viele Seiten sie schon geschafft haben ihren Fortschritt feiern. Ich mag auch das traurige Gefühl, das entsteht, wenn ein spannender Roman nur noch wenige Seiten hat. Diese Emotionen gehören für mich zum Lesevergnügen dazu.

Was ist ein Problem, für das Sie eine Lösung suchen?

Auch wenn ich online sehr gut aufgestellt bin und viel Austausch zu unseren Büchern über Soziale Medien und auf Digitalevents erlebe, wünsche ich mir mehr Kontakt und Austausch mit unseren „normalen“ Lesern. Wo kann ich diesen begegnen? Denkbar, dass das Format einer Buchvorstellung hier Abhilfe leisten kann.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Deshalb freue ich mich über Kontakte zu engagierten Buchladenbetreiber_innen, Buchmesseveranstalter_innen und anderen Menschen, die Events rund um Bücher organisieren und sich für Digitalisierung und Kommunikation, neuen Feminismus und Neue Arbeit interessieren.

Wo finden wir Sie im Internet?

Fast überall. Über meine Website ahoi-consulting.de, Twitter, Facebook, LinkedIn, XING und als @ChristianeAhoi auf Instagram.

Foto: Rieka Anscheit

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