Erster Tisch: Wege nach Deutschland – Der Abend

Christiane baut die Technik auf

Christiane  Ich habe kurz vor Beginn unseres ersten Essens zu Asal gesagt, dass ich eher im Hintergrund bleiben will, weil schon so viele Projekte im Netz ein Schildchen mit meinem Namen tragen. Mir wäre es genug gewesen, beim Ermöglichen zu helfen und einfach mit dabei zu sein. Asal hat das aber nicht gelten lassen, „wir machen das zusammen“, hat sie gesagt, „wir“, das meinte da noch explizit uns drei Veranstalterinnen und implizit die Crew vom Themroc, die uns zum Essen einlädt. Mein erster Eindruck, jetzt wo ich auf den Abend zurückblicke, ist, dass die Rollen schon nach dem ersten Tisch vollständig aufgeweicht sind. „Wir“ sind im Laufe von drei Stunden ein größeres Team geworden: Anna, Hammed, Maged, Nicolas, Nidal kamen als Gäste zu uns, aber sie haben sich als Freunde von uns verabschiedet, Freunde, die ganz sicher in der einen oder anderen Form mit dabei bleiben werden bei An einem Tisch.

Unsere im Vorgespräch geäußerten Befürchtungen, es könnte aufgrund von hohen Erwartungen und Berührungsängsten steif werden, haben sich nicht bestätigt. Wir waren keine projektionsüberfrachteten Charityladys und die Gäste keine zerbrechlichen Gegenüber, bei denen man jedes Wort abwägen musste. Es war schnell klar, dass wir alle aus aufrichtigem Interesse zusammengekommen sind und dass wir einander vertrauen können.

An einem Tisch in Berlin

Ton und Gegenstand der anfänglichen Gespräche mit den jeweiligen Sitznachbarn waren sehr unterschiedlich. Hammed hat mir gleich ein paar Manuskripte angeboten, Nicolas und ich haben übers Netz geredet, Anna habe ich nach ihrer Arbeitsatmosphäre bei Buzzfeed befragt,– genau so wäre es auch auf jeder beliebigen Party in Berlin gelaufen.

Erst nach etwa einer halben Stunde begannen wir, wirklich an einem Tisch zu sitzen und zu sprechen. Asal hatte Recht gehabt, das gemeinsame Essen und Trinken erleichterte dies.

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Asal  Bei der Vorbereitung auf den Abend mussten wir uns irgendwann eingestehen, dass man sich nicht vorbereiten kann. Wir wussten ein wenig über unsere Gäste, hatten sie eingeladen und uns im Vorfeld mit ihnen ausgetauscht. Aber wie der Abend verlaufen würde, konnten wir nicht wissen. Das Essen im Themroc würde fantastisch sein und die Atmosphäre freundlich, aber wir würden Fremde treffen, von denen wir hofften, sie würden uns etwas von ihrer Lebensgeschichte, von ihrem Innersten anvertrauen. Das ist nicht wenig.

Als erstes erfuhren wir, dass Aladin nicht kommen konnte. Aber Hammed brachte kurzfristig Nicolas Flessa mit, der viel Zeit in Ägypten verbracht hat und als Autor, Filmemacher und Journalist in Berlin lebt und arbeitet. Ich war erst ein wenig enttäuscht, weil wir gern Jugendliche mit an unserem Tisch haben möchten, dann aber auch sehr froh, dass wir Nicolas kennenlernen und dabeihaben durften. Nicolas ist Chefredakteur von seinsart, wo Hammeds Berichte aus dem autonomen Flüchtlingscamp in Calais zu lesen sind. Heute, am 18. September, fährt Hammed mit einem Transporter voller Sachspenden wieder nach Calais, wo etwa 5.000 Flüchtlinge, die von staatlicher Seite kaum Unterstützung erhalten, leben. Hammeds Einblicke in das Camp sind wichtig und einzigartig, weil er sich dort anders bewegen kann als die meisten Journalistinnen und Journalisten. Auch am Abend unseres Essens erzählte er uns noch einmal von der Kirche, die die Bewohner, die in Zelten und Hütten schlafen, im Camp errichtet haben. Auf seinsart schreibt er dazu:

“Vorbei an Wasserstellen kommen wir in das Habasch-Viertel. Hier wohnen die Habasch. Das ist eine Stammesgruppe aus Eritrea und Äthiopien. Viele unter ihnen sind Christen. Die Habasch leben ihre Religion sehr intensiv und emotional aus. Sie haben sogar eine Kirche in ihrem Viertel errichtet. Sie besteht aus einem Holzgerüst, das mit weißen Plastikplanen überzogen ist. Das Kreuz über dem Eingangsbereich reckt sich ca. 12 Meter in die Luft. Draußen vor der Kirche gibt es sogar eine Glocke, mit der sie die menschen zum Gebet rufen.” (Tag 4: Jaspering)

Nach seiner Rückkehr aus Calais wird Michaela ein Interview mit Hammed führen, das wir hier an dieser Stelle veröffentlichen werden. Den Podcast zum Abend wird es ebenfalls bald auf Reboot.fm geben. Darin könnt ihr unseren Gästen zuhören und ihren Geschichten und Gedanken in ihren eigenen Worten folgen.

Christiane  Anna und Hammed haben im Verlauf des Abends ähnliche Dinge übers Helfen gesagt, so in etwa, dass man gar nicht anders könne, wenn man das selbst erlebt habe, diesen Unterschied zwischen menschenunwürdiger und dann wieder menschlicher Behandlung. Dass diese Erfahrung so wesentlich und prägend sei, vor allem aber auch so einfach zu gewähren – eine Dusche, ein freundliches Willkommen –, dass man gar keine Wahl habe.

Anna hat auf Buzzfeed einen sehr bewegenden Text darüber geschrieben, wie eine syrische Familie, die sie vor dem Lageso kennengelernt hat, in ihr Leben kam:

„In meiner Wohnung gebe ich ihnen Handtücher, beziehe Betten. Sie duschen. Ich rufe meine Mutter an und berichte ihr von meinen Gästen. Wir erinnern uns an unsere Flucht aus Ruanda. Das war im Juni vor 21 Jahren. Auf dem Weg nach Uganda nahm uns damals ein Mann auf, ließ uns schlafen und duschen. Wir fühlten uns nach Tagen erstmals wieder wie Menschen. Ich war fünf Jahre alt und erinnere mich bis heute, wie erleichtert meine Mutter war. Sie lächelte. Ich hatte ihr Lächeln nicht mehr gesehen, seit sie meinen Vater ermordet hatten. Ich weine mit meiner Mutter am Telefon.“ (So kamen Mohamed und seine Familie aus Syrien in mein Leben)

Ein paar Tage nach unserem Essen gab Anna auch ein Interview auf CNN, in dem sie über Mohamed, Roqa und ihre beiden Töchter Rushin und Reema spricht.

Menschen wie Nicolas, Michaela und ich, die in ihrem Geburtsland nie um ihr Leben fürchten und auf menschenwürdige Lebensumstände verzichten mussten, haben, so scheint es, die Wahl. Deshalb kommt Anna, Hammed, Asal und anderen, deren Familien vor vielen Jahren nach Deutschland geflüchtet sind, jetzt eine gesellschaftliche Schlüsselfunktion zu: Sie können in beide Richtungen „übersetzen“, erinnern sich daran, wie es ist, fremd zu werden und erinnern sich daran, was es bedeutet, wenn man sich im neuen Land willkommen fühlen darf.

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Asal  Ich saß an diesem Abend hauptsächlich zwischen den Brüdern Nidal (29) und Maged (23). Sie gehören der Syrisch-Orthodoxen Kirche an, sind aber Atheisten. Sie verließen Syrien vor allem, weil sie nicht zum Militärdienst eingezogen werden wollten. Maged und Nidal haben noch Geschwister und ihre Eltern in Syrien, sie leben im IS-Gebiet, was für Christen sicherlich sehr schwer und beängstigend ist. Aber Nidal sagt, dass seine Hände gebunden sind, er kann im Augenblick nichts für seine Familie tun.

Nidal und Maged sind durch Michaela an unseren Tisch gekommen. Wie sie sich kennenlernten, erzählen sie in einem sehr schönen Radiointerview mit der BBC: Giving my sofa to a Syrian refugee.

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Nidal und Michaela

Nidal ist seit zehn Monaten in Deutschland und war vorher in Tunesien und der Türkei, von wo aus er auf einem Boot nach Sizilien reiste. Nidal war neun Tage mit 250 zum größten Teil aus Syrien stammenden Menschen auf diesem Boot, das er death boat nennt. Er erzählt von den weinenden Kindern, der Übelkeit, dem Dreck, der langen Warterei. Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, wäre er in Syrien geblieben. Aber er hat viele Pläne, möchte etwas aus seinem Leben machen. In Tunesien hat er in seinem Beruf als Orthopädietechniker gearbeitet, sogar an schwierigen Operationen teilgenommen. Aber in Tunesien gebe es keine Zukunft für ihn, also sagt er: „No risk, no life.“ Von Deutschland wünscht er sich: „I hope they will know me, I hope they will give me an opportunity.“ Manchmal schläft er kaum, weil er eine solch starke Energie in sich spürt, weil er seine Ziele vor sich sieht und sich ausmalt, wie er sie erreichen kann. Er hat sein gesamtes Leben versucht seinen Weg zu gehen, auf seinen eigenen Beinen zu stehen. Er möchte auch vom deutschen Staat kein Geld und keine Hilfe, nur eine Chance, um in seinem Beruf weiterarbeiten zu können, hier in Deutschland und irgendwann auch in Syrien, wenn der Krieg vorbei ist. Er weiß, dass seine Hilfe und Expertise dort gebraucht werden wird, gleichzeitig will er Deutschland zu seinem neuen Zuhause machen, etwas aufbauen, auch wenn für Nidal Heimat dort ist, wo man seine Kindheit verbracht hat.

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Nidal, Michaela und Anna

Nidal hat 5.000 EUR für seine Reise aus der Türkei bis nach Deutschland gezahlt, seinen Bruder hat es etwa 3.000 EUR gekostet. Für dieses Geld haben sie lange gearbeitet, aber sie wissen, dass sie Glück hatten. The lucky ones, nennt Nidal jene, die es lebend aus Syrien geschafft haben.

Sein jüngerer Bruder Maged, der erst vor wenigen Wochen in Deutschland ankam, war sehr still. Er sei im Geiste noch unterwegs, sagte Nidal über ihn. Maged ist einen Monat lang zumeist zu Fuß durch Europa gelaufen, hat auf der Straße oder im Wald geschlafen. Er zeigte mir Fotos von der Reise, er und ein paar Freunde winken und lachen in die Kamera, gehen mit kaum gefüllten Rucksäcken durch den Wald, posieren mit einem Taxifahrer, der sie eine Strecke mitgenommen hat. Nicht so anders wie Fotos, die man auf Facebook sieht. Jungs, die Spaß haben wollen.

Nidal findet sich in der Berichterstattung über Flüchtlinge nicht wieder. Es ginge zu sehr um Zahlen und Summen, um Kosten und Statistiken, sagte er. Er wünsche sich, es würde ebenfalls thematisiert, welchen Beitrag die zum größten Teil gut ausgebildeten Flüchtlinge zur deutschen Gesellschaft leisten können. Es geht nicht um den Wert von Menschen, aber darum, dass hier nicht nur notdürftige Opfer, sondern auch lebenstüchtige Menschen, mit Wünschen, Zielen und Fähigkeiten ins Land kommen. Hammed sieht ebenfalls ein Problem mit der Berichterstattung, weil er das Gefühl hat, dass Journalisten meist ihre eigenen Ansichten bestätigt haben wollen, anstelle wirklich hinzuschauen und zu berichten, was sie sehen. Ihm war es außerdem wichtig, dass wir den Flüchtlingen nicht von Pegida, sondern etwa von den Protesten der Flüchtlinge in der Gerhart-Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße erzählen. Sie müssen aufgebaut, gestärkt und über ihre Rechte aufgeklärt werden.

Nidal und Maged wollen einfach nur ankommen, wollen ein eigenes Dach über dem Kopf und ein wenig Ruhe. „I want to rest“, sagte Nidal. So charismatisch und humorvoll, wie er an diesem Abend war, konnte man schnell vergessen, was er durchgemacht hat. Wir hoffen, dass Nidal und Maged bald eine Wohnung finden. Wer ihnen helfen möchte, kann uns gern kontaktieren. Wir leiten dann alles an Nidal und Maged weiter.

Anna, Asal & Nidal

Anna, Asal und Nidal

Irgendwann gegen Ende des Essens sagte Nidal, dass dies der schönste Abend gewesen sei, den er seit seiner Ankunft in Deutschland verbracht habe. In diesem Moment fühlten wir vermutlich alle eine ähnliche Dankbarkeit und Wärme für diese Menschen, die wir erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatten und dennoch als Freunde verließen. Wir umarmten uns, wir dankten uns und wir versprachen, in Kontakt zu bleiben. Deutschland hat irres Glück, dass sie hier sind. Und dennoch darf man die Gründe, weshalb sie in dieses Land gekommen sind, nicht vergessen.

Eine Woche später hinterließ uns Nidal diese Nachricht auf Facebook:

Nidals Nachricht an die Gäste und Gastgeberinnen von An einem Tisch

Wir danken dem gesamten Team des Themroc für den wundervollen Abend. Und vor allem unseren Gästen und neuen Freunden Anna, Nicolas, Hammed, Nidal und Maged.

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An einem Tisch wurde von Asal Dardan, Christiane Frohmann und Michaela Maria Müller initiiert. Mehr über uns hier.

Unterstützt von:ThemrocLogo

Veranstaltet von:
Orbanism120x100

 



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