An einem Tisch. Dialog zu Beginn

Liebe Christiane,

in meiner Twitter-Timeline tauchte Mitte Dezember #meinmigrationshintergrund auf. Ich fand das anfangs gut, auch wenn ich den Begriff „Migrationshintergund“ ablehne. Unter anderem wirft er in einen Topf, was nicht zusammen gehört, er definiert von außen, was nur jeder und jede Einzelne für sich definieren kann und er hat scheinbar kein Verfallsdatum, was an der Lebensrealität der meisten Migranten vorbei geht.

Aber ich meinte, zu verstehen, was das von dir ins Leben gerufene Hashtag bewirken sollte. Kultur ist immer im Fluss und nicht homogen, vor allem auch die westliche. Das musste wohl leider betont werden, als plötzlich viele tausende Menschen unter der Flagge eines pervertierten Abendlandes durch Deutschlands Städte zogen. Ohnehin ist eine strikte Trennung zwischen Kulturen, zwischen Abendland und Morgenland nicht nur künstlich, sondern auch zutiefst ahistorisch.

Aber im Laufe des Tages las ich vor allem von Hugenotten und Ost-Preußen, von schlesischen Urgroßmüttern und böhmischen Urgroßvätern. Plötzlich war da doch eine Art Homogenität, bei der ein irakischer oder syrischer Muslim noch immer als der Andere aufgefallen wäre. „Man kann aus allem Überlegenheit und Dünkel konstruieren“, schrieb ich Martin Lindner an jenem Tag auf Twitter und urteilte recht hart über #meinmigrationshintergrund. Und irgendwas hat da in mir gebrodelt und ich habe dich recht hart kritisiert, in einem dieser Twittertöne, die einem später oft leid tun, wenn man seine sozialen Kompetenzen noch nicht völlig verloren hat.

Und du hast mich überrascht und beeindruckt, indem du offen und erklärend auf meine Kritik reagiert hast. Nicht nur zur Ehrenrettung auf Twitter, sondern auch in einer langen Mail. Und so entstand ein Dialog zwischen uns, der mir bis heute viel gibt. Das war, unabhängig von unserer jetzigen Zusammenarbeit, ein wichtiger Tag für mich. Weil ich von dir etwas gelernt habe. Und etwas über mich.

AnEinemTisch180x180Liebe Asal,

hätte ich an jenem Dezembertag nicht auch etwas von dir gelernt, wären wir heute vermutlich nicht dabei, diesen Dialog zu schreiben. Die Idee zu ‚An einem Tisch‘ wäre uns nicht gekommen. Wir wären keine Freundinnen geworden. Auch bei mir fand an diesem Tag ein mehrschichtiges Lernen mit Elementen von Selbsterkenntnis statt. Als du damals so auf mich einstürmtest, dachte ich zunächst, na toll, da ist wieder so ein Twittersniper, der monatelang bewegungslos im Leseschatten von Menschen verharrt, um dann – POFF – auf der Bildfläche zu erscheinen, wenn es endlich was zu meckern gibt. Dein Ton war scharf, und ich bin empfindlich. Im Kern hast du mir vorgeworfen, dass das Hashtag so ein Dutzidutziding ist, mit dem man sich besser fühlt, aber die Differenz zu wirklich diskriminierten Menschen verschleift. Das fand ich ungerecht, denn ich hatte mir das vorher zwar wie üblich hastig und Hals über Kopf, aber gut überlegt, es war mein erstes bewusst auf den Weg geschicktes ‚missionarisches‘ Hashtag. Ich wollte für positive Bilder in starren Köpfen sorgen, aus dem Gefühl heraus, dass eine klassische Diskussion augenblicklich nicht mehr möglich ist, weil alles zu verfahren, zu wütend, zu brennend. Hier „linkes Pack“, da „Scheißnazis“. Das habe ich dir dann zu erklären versucht, erst in aufgeregten Replys, dann in einer Mail. Der Wunsch nach Ehrenrettung war anfangs schon auch wichtig dabei, ich wollte zumindest als privilegierte weiße Mitteleuropäerin, die nachdenkt, bei dir durchgehen. Und ich wollte das Problem mit dem Hashtag verstehen, um es danach besser zu machen, mit weniger blinden Flecken. Ich schrieb, weil ich so aufgewühlt war, auf Facebook eine längere Darstellung meiner Position und twitterte diese auch.

MeinMigrationhintergrund

Leider ist ja nicht automatisch gut, was gut gemeint ist und so gab das Netz dir im Laufe der nächsten Tage performativ mehr und mehr Recht. Das Hashtag bekam viel Aufmerksamkeit, die NZZ berichtete, aber da waren wirklich sehr viele Tweets zu lesen, die einen Ton hatten, der nicht dem entsprach, was ich im Sinn gehabt hatte. Tweets, denen man anlas, dass ihren Schreibern Flüchtlinge scheißegal sind und man sich dank meiner Vorlage gerade wohlig in Nostalgie suhlte. Und natürlich kam der übliche Klamauk, Rheinland als fremdländische Herkunft, höhö. Man kann das Netz nicht kontrollieren, aber man kann Impulse geben, immer wieder. Ich bremste das Hashtag selbst wieder aus, indem ich nur noch freundlich favte, aber nicht mehr retweetete, so entwickelte es sich bald nicht mehr weiter.

Die letzten Tweets zeigen sehr gut das Potenzial und die Problematik des Hashtags.

meinmigrationshintergrund

#meinmigrationshintergrund war aus meiner Sicht absichtlich „passé“, weil leider keine nur „tolle Sache“ und zu anschlussfähig für gegenläufige Diskurse. Es geht nicht ums Rechthaben. Man kann dazulernen.

Derweil redeten wir beide im Off weiter.

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Liebe Christiane,

komischerweise sehe ich mich selbst ja ebenfalls als privilegierte weiße Mitteleuropäerin (man bleibt ja nicht ein Leben lang Flüchtling), wobei ich mir natürlich auch immer wieder aussuche, in welche Rolle ich schlüpfe. Das ist die Gemeinheit, die ich mir leiste, weil ich in keiner Kultur so richtig zuhause bin. Ein typisches „Third Culture Kid“, wie die Soziologie uns nennt. Es ist natürlich ein Geschenk, in mehreren Welten und Sprachen leben zu dürfen und ich glaube, dass ich dadurch auch vor vielen Vorurteilen, die andere Menschen erst mühsam abbauen müssen, bewahrt wurde. Mir fällt es schwer, mich in Menschen mit Wurzeln hineinzuversetzen, in Menschen, die genau wissen, wo sie herkommen. Die schlesischen Urgroßeltern ärgerten mich aus vielen Gründen, auch rein emotionalen.

Ich habe keine Idee, wo meine Urgroßeltern herkamen oder wie sie hießen. Und auch die Namen von den Eltern meines Vaters kenne ich nicht, ich habe  noch nicht einmal  ein Bild von ihnen gesehen. Ich weiß nur sehr wenig über meine Herkunft und meine Vorfahren. Wir sind geflohen, ließen ein Leben in Sicherheit und Wohlstand zurück, landeten irgendwann in einer kleinen Wohnung, in der es keine Erinnerungen, kein Erbstück, keine alten Möbel oder Fotos gab. Nichts war organisch gewachsen, wir wurden ohne Wurzeln verpflanzt.

Ich denke, ich war so scharf in meiner Kritik, weil mir diese Herkunftsnostalgie auch weh tut. Aber natürlich habe ich dich bis heute nicht danach gefragt, wo du eigentlich herkommst, was du bist. Wie du dich siehst.
Dennoch denke ich, dass ein missionarischer Impetus oft ins Leere läuft. Und ob positive Bilder und schöne Gefühle dabei helfen, Wut und Not zu verdrängen? Bist du denn nicht auch wütend, Christiane?

Wir beide möchten etwas tun, das eint uns ebenso wie ein gegenseitiger Respekt und eine wachsende Zuneigung. Vor allem, weil wir eine gemeinsame Sprache gefunden haben, die aus mehr als nur dem deutschen Alphabet besteht.

Nun arbeiten wir also an einem Projekt, das unsere beiden Perspektiven vereint. Wir möchten viele Menschen zusammenbringen, unseren Kreis erweitern. Ob wir dabei Blicke öffnen können, ob man uns hören wird? Und wie viele Twittersniper sich auf uns stürzen werden?

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Liebe Asal,

die positiven Bilder meiner Anfangsinitiative sollten die starren Köpfe erreichen und so mittelbar gegen Nichtsehenwollen und -können von Not wirken, und, ja, ich bin seit einiger Zeit unglaublich wütend, aber in der Wut gelingt mir nie etwas Konstruktives, deshalb versuchte ich mich an dem überlegten (arrogant überlegenen?) missionarischen Hashtag. Ich betrachte es mittlerweile als misslungen, aber nicht in Bezug auf mich selbst, denn da hat es ja weitere Denkbewegungen ausgelöst.

Wie ich mich sehe? Mein Leben kommt mir schon immer sehr privilegiert vor, aber nicht aus den üblichen westdeutschen Gründen, da war kein Wohlstand, kein Tennis, kein Hockey, kein Klavier. Da war auch keine sonderliche Kultiviertheit, keine Feinsinnigkeit, kein selbstverständlicher Museumsbesuch. Aber da war ein Vater, der mir den Geist geöffnet, der mir Urvertrauen und Lebensfreude gegeben hat, und glücklicherweise war da auch eine Mutter, die den Laden wirtschaftlich gerade noch zusammengehalten und mir Tischmanieren beigebracht hat. Meine Eltern waren, meine Mutter ist unglaublich offen gegenüber Andersheit, ich habe fast nie rassistischen oder anderswie diskriminierenden Mist zuhause gehört. Man hat mich auch relativ wenig gegendert. Meine Eltern hatten wie fast alle Menschen dieser Generation jede Menge Issues miteinander und mit sich selbst, und natürlich wurde alles konsequent verdrängt und betäubt, aber sie haben nie über andere gelästert, niemanden beneidet, sich nicht verglichen, haben folglich zwar nicht vor der eigenen Tür gekehrt, aber wenigstens keine Steine im Glashaus geworfen. Ich habe als Teenager ein paarmal Arschloch zu meinem Vater gesagt, aber mehr Rebellion war da nicht. Punk war für mich gute Musik und eine plausible Haltung anderer, aber absolut kein Bedürfnis. Ich habe mich immer eher adrett gekleidet, wild war es zuhause genug. Es war nicht leicht ohne Kohle und Vorzeigefamilie, aber irgendwie war es eben doch leicht, ich habe gejobbt, bekam BaFöG, Stipendien.

Meine Familie hat ungarische und italienische Einflüsse, deshalb sehe ich nicht ‚typisch deutsch‘ aus, aber ich spüre davon nichts. Mein Großvater väterlicherseits hat mal die Familiengeschichte bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgt. Kein Adel, keine Berühmtheit, kein Drama, nur unglamouröse Bauern, Handwerker, Lehrer. Soweit ich weiß, waren die Großeltern keine Nazis, aber was weiß man schon über seine Familie. Deutsch fühle ich mich nur, wenn ich in neuen Kontexten sozial etwas steif herumstehe. Früher liebte ich es, im Ausland nicht als Deutsche identifiziert zu werden, heute finde ich diesen Gedanken snobby. Persönlich kann ich mir die Welt sehr gut ohne Nationalstaaten vorstellen,– dass wir noch Deutschland, Russland, Griechenland denken, sagen und fühlen, basiert m. E. auf willkürlich erzeugter Angst vor gesetzten äußeren Bedrohungen, die bekanntlich niemals nur außen sind.

Ich beobachte meine Umwelt und mich aufmerksam und kann gut analysieren. Trotzdem habe ich selten Angst, auch nicht gesellschaftlich, ökologisch etc.,– vermutlich ist dieses Urvertrauen irgendwo auch ein bisschen gemeingefährlich. Die tiefsitzende Wut ist ein relativ neues Phänomen für mich, deshalb glaube ich, dass sich die Gesellschaft in Deutschland in den letzten Jahren massiv verändert hat, von latent unsympathisch hin zu offen feindselig. Vor zehn Jahren konnte ich mich noch ganz gut mit Menschen auf brandenburgischen Campingplätzen unterhalten.

Ich weiß auch nicht, wie meine Urgroßeltern mit Vornamen hießen. Aber es gibt Bilder von ihnen, ich hätte nachfragen können. Oft hat Privileg nicht mit Fakten, sondern mit Möglichkeiten zu tun.

Deutschland habe ich erst gefühlt und verstanden, als ich selbst fremd war, wohlgemerkt, superprivilegiert „fremd“ als Stipendiatin an einer amerikanischen Eliteuniversität. Die offizielle Heimat von außen betrachten zu können, das ist lehrreich, aber meist tun Menschen dies unter schrecklichen Umständen, auf der Flucht, und sie würden es viel lieber nicht tun. Vielleicht können sie dabei auch gar nicht beobachten und lernen, sie haben ja Angst. Das wäre eine Sache, die ich bei den Gesprächen zu erfahren hoffe, inwieweit Flüchtlinge ihre verlassene Heimat differenziert sehen können oder ob sie diese nicht in ein statisches Erinnerungsbild verwandeln müssen, um sich daran zu wärmen in der ungastlichen neuen Umgebung.

Wir sagen, sie sind Fremde.
Sie sind in der Fremde.

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Liebe Christiane,

wie du weißt, lebe ich seit April nicht mehr in Deutschland und werde zum ersten Mal in meinem Leben auf unabsehbare Zeit in einem anderen Land wohnen. Vielleicht für immer. Ich war einige Monate auf Sardinien, nun ziehe ich bald mit meiner Familie in ein kleines gelbes Haus in Schweden. Als wir vor einem Jahr die Entscheidung trafen, schrieb ich auf meinem Blog:

„Es hat viele Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich eine Außenseiterin bin und viele Jahre mehr, bis ich das für mich angenommen und als Vorteil erkannt habe. Inzwischen denke ich, dass das Gefühl des Fremdseins im (echten) Ausland wenigstens klar und unbelastet sein wird. Ich werde die Sprache lernen müssen, ich werde sowohl auf den ersten wie auch auf den zweiten Blick eine Fremde sein. Ich muss weder mir noch anderen beweisen, dass es nicht so ist. Beim Gedanken daran fällt eine große Last von mir, danach sehne ich mich. Vielleicht löst sich dann ein Knoten, vielleicht lieben wir uns dann doch ein wenig mehr, aus der Ferne.“

Vielleicht wird es so kommen, vielleicht fühle und verstehe ich Deutschland dann auch etwas besser. Im Moment sind wir uns recht fern. Das liegt vor allem an den Nachrichten aus Freital, Meißen und Tröglitz, an dem neuen enthemmten Ton, in dem über Flüchtlinge und Asylanten diskutiert wird, an der Art und Weise, wie leichtfertig unsere grundlegendsten Werte vergessen werden, wenn es Menschen betrifft, die nicht „von hier“ sind; die unsere Hilfe brauchen. Ärzte warnen vor einer humanitären Katastrophe – in Dresden! Vor der zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Berlin warten hunderte Männer, Frauen und Kinder auf eine Unterkunft, auf eine Information, auf ein Zeichen der Menschlichkeit. Mitten in Deutschland. Dass unser Land nicht in der Lage ist, eine Notunterkunft zu errichten, die ein würdevolles Ankommen ermöglicht, beschämt mich. Und dass diese Probleme von offizieller Seite weggewischt werden, macht mich wütend. Unvorstellbar, dass etwa bei einem Hochwasser in Dresden jemand behaupten würde, die Hilfe Freiwilliger sei unnötig oder übertrieben.

Das erinnert mich nicht an das Land, das mich aufgenommen hat. Aber die Situation in Berlin und Dresden zeigt, dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, zu helfen. Sie bringen Wasser, sie sammeln Spenden, sie organisieren Betten und temporäre Unterkünfte. Diese Menschen darf man nicht vergessen, wenn man über Deutschland spricht. Meine Eltern und ich hatten ebenfalls solche Menschen in unserem Leben.

Ich habe eine biografische Wurzel gelegt, ein wenig fragil vielleicht, aber ich möchte sie nicht einfach verdorren lassen. Ich habe Erinnerungen gesammelt, Freundschaften geschlossen, Kämpfe durchgestanden und Liebe erfahren. Und die deutsche Sprache ist meine Sprache, ich lasse sie mir nicht nehmen. Ich lasse mir nichts davon nehmen.

Ungeachtet dessen ist mein Fremdsein auch an einem Ort wie Sardinien und vermutlich auch in Schweden nicht so klar, wie ich das noch vor einem Jahr erwartet hatte. Wer meinen Blog liest, weiß, dass ich nicht als Urlauberin auf Sardinien bin. Dennoch sitze ich häufig am Strand, wo mir natürlich sehr bald ein Handtuch, eine Sonnenbrille oder Sandspielzeug angeboten werden. Die meisten Männer, die auf Sardinien die chinesischen Waren am Strand verkaufen, sind aus dem Senegal oder aus Bangladesch und sprechen gut Italienisch. Manche sind legal dort, andere nicht. Viele bleiben, andere kommen nur im Sommer. Ich frage sie manchmal, woher sie kommen oder wie sie heißen. Aber selbst darin komme ich mir vor wie eine Touristin, die überfordert und angestrengt etwas vertuschen will, was allzu offensichtlich ist.

Bei diesen Begegnungen merke ich, wie sehr auch ich in einer privilegierten Blase aufgewachsen bin. Auch bei mir gab es kein Tennis, kein Hockey und kein Klavier. Aber die Gewissheit, dass das Leben im Guten weitergehen wird. Ich habe nie an der Zukunft gezweifelt, daran, dass ich sie in der Hand habe und dass ich alles machen und sein kann, was ich mir vornehme. Ich hatte den Luxus, gute Schulen besuchen zu dürfen, zu studieren, eine Menge Bücher zu lesen, eine Frau zu werden, die sich nicht schämt und nicht duckt. Ich habe manchmal blöde Jobs gemacht, aber keiner war so blöd, dass ich mich ausgebeutet oder übersehen gefühlt hätte. Ich bin in einem reichen und demokratischen Land, in Freiheit, aufgewachsen. Ich hatte Glück.

So eine Blase kann schnell zum Vakuum werden, wenn man nicht aufpasst. Ja, aus dieser Blase heraustreten zu können, etwas über die Realität anderer Menschen zu lernen, das wünsche ich mir für dieses Projekt.

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Liebe Asal,

die deutsche Sprache ist auch für mich wesentlich, auf sie könnte ich nicht verzichten. Sie ist neben bestimmten Menschen meine stabil instabile Heimat. Im Englischen bin ich ein ganz anderer Mensch, viel harmloser, was auch interessant ist, Leute reagieren ganz ungewohnt auf einen, aber dieses eingeschränkte Sein würde mir auf Dauer nicht genügen. Deshalb kommt mir das absurd vor, wenn von Einwanderern erwartet wird, sich kulturell komplett zu assimilieren. Ich glaube, man kann problemlos ein guter deutscher Staatsbürger sein und zuhause eine andere Sprache als Deutsch sprechen.

Ich fühle mich neuerdings fremd in Deutschland und auch ein bisschen auf der Welt, da ist ein merkwürdiger Realitätsknick. Nachrichten- und Zombieapokalypsebilder verschwimmen. Ich sehe Menschen sich mit Biobio-Problemen beschäftigen, höre Nazis schreien, lese über tote Menschen vor Lampedusa. Mein Gehirn knirscht davon.

Die Zeit ist aus den Fugen, das spüre ich zum ersten Mal wirklich und sage es nicht nur brav gelernt auf. Vieles kommt mir plötzlich irrelevant vor: Lifestyle, Literaturkritik, Debatten – wenn ich die Bilder von den Flüchtlingen sehe, verwandelt sich alles, woran ich sonst gern partizipiere, in dekadenten Chichi.

Ich möchte etwas Sinnvolles tun, wir wollen das, Asal, im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, von ihrer Realität zu sprechen, ihre Geschichten zu erzählen, denn da übers Mittelmeer und anderswoher kommen keine Reißbrettfiguren, die man nach einem festen Schema in Deutschland einpassen kann. Alle Menschen haben das Recht, als komplexe Individuen gesehen zu werden. Ein Flüchtling muss kein Engel sein. Das haben wir zu lernen, emotional zu lernen, und dann müssen es auch die Menschen in Freital lernen, wir wissen im Unterschied zu ihnen nur schon, dass wir uns in der Welt von 2015 weiter öffnen müssen.

Ich finde schön, dass du eine Idee aufgebracht hast, die keine verhärmte neobiedermeierliche Selbstkasteiung beinhaltet. Es geht nicht darum, dass wir uns klein machen, es geht darum, Menschen, die nach Deutschland flüchten, an unserer Normalität teilhaben zu lassen, gemeinsam schöne Erfahrungen zu machen und einen Raum zu eröffnen, wo sie etwas von ihrer zurückgelassenen Heimat teilen können.

AnEinemTisch180x180Liebe Christiane,

ich finde mich wieder in deinen Worten und ich weiß, dass es viele tun werden. Die Zeit ist aus den Fugen, aber es ist unsere Zeit. Sie ist unsere Verantwortung.

Du sprichst einen Punkt an, der auch für mich sehr wichtig ist. Bereits in meiner Beschäftigung mit dem Holocaust habe ich mich immer wieder gewundert, dass von Überlebenden und Opfern eine Art von moralischer Überlegenheit erwartet wird, so als müssten sie beweisen, dass sie es verdient haben, zu überleben. Als verdienten es nur gute Menschen, ungemordet zu bleiben. Aber niemand hat Verfolgung verdient, jeder sollte ein Recht auf Unversehrtheit und ein Leben ohne Angst – ob nun vor Folter oder Hunger – haben. Was der oder die Einzelne daraus macht, bleibt ihnen überlassen. Wir wollen schließlich keine Regenbogenfamilie, wir wollen nur in einer Welt leben, in der Menschen an einem Tisch sitzen können, sich austauschen, mit Respekt und Offenheit.

Ich bin gespannt und habe gleichzeitig auch ein wenig Angst vor den Herausforderungen, die uns dieses Projekt stellen wird. Aber ich freue mich, dass wir es versuchen, an einem Tisch in Berlin.

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