Thilo Schmid: Ich bin einer der Geschäftsführer der Verlagsgruppe Oetinger

Die folgenden Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Thilo Schmid

Thilo Schmid: Ich bin einer der Geschäftsführer der Verlagsgruppe OetingerIch bin ein »unter Büchern« aufgewachsener Buchhändler und Betriebswirt und zeichne – mit Julia Bielenberg und Christian Graef – für die Geschicke der Verlagsgruppe Oetinger verantwortlich.

Wir versuchen, die Geschichten möglichst vieler Menschen miteinander zu verweben und erlebbar zu machen, und im Sinne unserer Tradition als innovatives Medienhaus, die (digitale) Transformation voranzutreiben.

Zudem bin ich der Verleger des Oetinger-Projektverlages »migo«, mit dem wir in diesem Sommer gestartet sind.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Er besteht aus dem Versuch der Aufnahme und Verarbeitung und dem Geben von analogen und digitalen Impulsen. Das geschieht in rasch aufeinander folgenden (zur Zeit vorwiegend digitalen) Gesprächen mit einer Vielzahl von Menschen.

Über den Tag verteilt gibt es ein paar kurze, ruhige Denk-Inseln. Dazwischen hole ich mir noch einen Kaffee.

An unserem neuen Standort haben wir die idealen Voraussetzungen für Potentialentfaltung geschaffen. In Zusammenarbeit mit Projektgruppen unserer MitarbeiterInnen ist hier eine neue, moderne, lichtdurchflutete und inspirierende Arbeitswelt entstanden. Wege werden kürzer, Absprachen können schneller getroffen werden. Austausch, Begegnung und Transparenz sind dabei unsere Leitgedanken. Entsprechend der Aufgaben, Projekte und Termine, die man gerade hat, sucht man sich die passende Umgebung im Haus. Technisch wurde alles so eingerichtet und alle MitarbeiterInnen so ausgestattet, dass sie jederzeit und von überall problemlos auf jedwede Information zugreifen und kollaborativ arbeiten können. Im Haus gibt Bereiche, in denen es lauter zugeht, Orte der Begegnung und andere, in denen man kontemplativer, konzentrierter Arbeiten kann. So lassen sich die Tage flexibel und abwechslungsreich gestalten.

Das kommt mir entgegen und ich empfinde das als anregend.

Wie verändert sich Ihre Arbeit durch die fortschreitende Digitalisierung?

Immerwährend.

Sie wird konzentrierter und strategischer, organisierter und organisierender. Sie gestaltet sich immer vernetzter, kollaborativer, vielschichtiger und deutlich agiler … Der Tellerrand senkt sich. Mittel und Zweck sitzen gemeinsam an einer großen Platte, an deren Kanten sich immer weniger Bissspuren finden.

Wir führen heute zum Beispiel unsere Vertreterkonferenzen digital durch, begegnen einander in virtuellen, angereicherten Räumen wie unserem Messestand. Wir erleben digitale Mehrwerte, die das Analoge verändern und beispielsweise Workflows optimieren. Die Akzeptanz des Digitalen steigt, die ungeheuerlichen, unterstützenden Möglichkeiten offenbaren sich.

Wir erleben, dass durch Vereinfachung und Entlastung neue kreative Freiräume entstehen – zum Beispiel für die Auseinandersetzung mit unseren Werten – und eine Aufwertung analoger und sozialer Komponenten der gemeinsamen Arbeit. Der Mensch steht im Mittelpunkt, die Zusammenarbeit wird ganzheitlicher.

Ich erlebe nicht nur, dass sich die Arbeit verändert, sondern auch, wie Aspekte von ihr uns verändert. Wie Work und Live einander durchwachsen und bereichern. Ich empfinde diese Veränderungen als ungemein spannend und ich finde, wir leben in einem privilegierten Stadium der Arbeit.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

Den Launch von www.heldenstueckelive.de, einem offenen, lernenden Marktplatz, einer Plattform, die Kreativen auf einfachste Weise ermöglicht, ihren Content zu monetarisieren, Familien einen sicheren Zugang zu relevanten, qualitativ hochwertigen Inhalten garantiert und beide miteinander verbindet. Lesungen, Konzerte, Workshops und vieles mehr können dort einfach und sicher stattfinden. Es ist DIE Möglichkeit für Kreative, digitale Veranstaltungen durchzuführen oder analoge Veranstaltungen »digital zu verlängern«. Und wir werden die Plattform nach aktuellen Bedürfnissen weiterentwickeln. So wird es demnächst auch die Möglichkeit geben, Content ON DEMAND einzustellen und zu monetarisieren.

Außerdem haben wir von unseren Partnern aus der ganzen Welt und unseren LeserInnen sehr viel positives Feedback zu unserem digitalen Messestand erhalten … der unsere Themen und die Menschen »dahinter« emotional erlebbar gemacht und zur Interaktion animiert hat. Neben den Möglichkeiten für die »echte« Begegnung mit unseren MitarbeiterInnen aus Lektorat, Herstellung, Einkauf, Lizenzabteilung und Vertrieb bot der Stand auch Schnittstellen zu VLB-Tix und zu unserem Shop. Via CHAT konnten sich Besucher auch ohne Termin jederzeit mit unseren MitarbeiterInnen austauschen. Fast 1.000 Kontakte haben so stattgefunden. Wir haben einen 24/7 Showroom geschaffen, den wir künftig in unsere Kommunikationsstrategie einbauen können.

Den größten Erfolg sehe ich aber tatsächlich darin, mit welcher Zuversicht, mit wie vielen hervorragenden, kraftvollen, konstruktiven und zukunftsweisenden Ideen und in welcher Verbundenheit wir diese schwierigen Zeiten durchstehen. Innerhalb der Verlagsgruppe aber auch mit unseren engen Partnern. Das ermutigt mich ungemein.

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Persönlich: Empathie für Anderspriorisierende. 😉

Bezogen auf HeldenstückeLIVE brauchen jetzt abwechslungsreichen, inspirierenden, spannenden und hochwertigen Content – und Reichweite, damit viele Menschen auf der Plattform zusammenkommen und sie zu dem GRAVITATIONSORT für Familien und Kreative machen, von dem wir glauben, dass er fehlt.

Der Dezember bringt ein Feuerwerk an Veranstaltungen mit sich, mit einer Nikolauslesung von Kirsten Boie, mit einem Adventsbesuch in der Wohnung von Astrid Lindgren und vielen weiteren Hochlichtern.

Es gilt nun, den Menschen die Manschetten vor dem Digitalen zu nehmen und ihnen das Bereichernde daran aufzuzeigen. Und es gilt, jene, die das schon erkannt haben, ernst zu nehmen, um sie weiterhin zu erreichen.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Mutige Menschen, die in die Zukunft denken können und Familien und einzelne Familienmitglieder begleiten, inspirieren und unterhalten möchten.

Wo finden wir Sie im Internet?

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Die MitarbeiterInnen/Kreativen der Verlagsgruppe Oetinger.

Die Abschlussfrage darf natürlich nicht fehlen: Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Mariam Kühsel-Hussaini: »Tschudi«, Rowohlt

»Es ist, als wäre in die Atelierwand ein Loch geschlagen, durch das man plötzlich ins Freie sieht!« Hugo von Tschudi

 

Foto (c) Jörg Schwalfenberg


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