Ulrike Ritter: Nachschlagen oder nachfragen

Ulrike Ritter: Nachschlagen oder nachfragen

Ulrike Ritter ist freie Lektorin – und leidenschaftlich bei der Sache. Von Salzburg aus betreut sie mit ihrer Firma textstern* Kunden in Österreich und Deutschland. Hier berichtet sie uns, was den Lektorenberuf so spannend macht, und teilt Gedanken über den Alltag zwischen Texten, Tippfehlern und Stilfragen.

113 Paragrafen hat „Die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung“. Paragrafen mit Unterpunkten, Beispielsätzen, Ausnahmen, Sonderfällen. Es gibt also Unmengen an Stoff, für die sich Tag für Tag beim Korrigieren und Lektorieren anwenden lassen. Oder aber Stoff, in dem beim Nachschlagen die passende Regelung ausfindig gemacht werden muss. Viele Dinge hat man aus dem Lektorenalltag heraus komplett verinnerlicht und problemlos parat, bei anderen Problemen will man sich nur rückversichern, dass man bereits die richtige Fährte eingeschlagen hat (auch wenn man sie in der Vergangenheit schon zig Mal nachgeschlagen hat – lieber noch mal nachgucken), oft sucht man auch nach Anwendungsbeispielen, die sich auf den eigenen Fall übertragen lassen. Und dann gibt es noch die Situationen, in denen man auch durch intensives Blättern im Regelwerk und allen möglichen anderen Büchern nicht zu absoluter Sicherheit gelangt – bei Duden wird das gern „sprachlicher Zweifelsfall“ genannt, was dem Verlag sogar die Herausgabe eines eigenen Bandes wert war.

Wenn bei mir gar nichts mehr hilft, greife ich zum Hörer, um die Damen und Herren der Duden-Sprachberatung zu befragen. Dieses Angebot ist, soweit ich immer wieder höre, unter Lektoren nicht unumstritten, denn die aus Deutschland, der Schweiz und Österreich erreichbaren 0900-Nummern haben einen beachtlichen Minutenpreis. Rechtschreib- und Sprachberatungsstellen (viele davon kostenpflichtig) gibt es etliche. Angefangen bei Wahrig, der Duden-Konkurrenz, über Dienste, die von germanistischen oder linguistischen Instituten der Universitäten oder Hochschulen betrieben werden, bis hin zu den Sprachauskünften, die man bei der Gesellschaft für Deutsche Sprache einholen kann. Und, und, und. Nicht zu vergessen natürlich Onlineforen von Lektoren, in denen sich meist sehr fruchtbare Diskussionen führen lassen. Jeder Lektor wird sich bei Bedarf wohl die Variante aussuchen, die im konkreten Fall am verlässlichsten, solidesten, naheliegendsten erscheint oder die die schnellste Lösung verspricht.

Der „Sprachberatungsmarkt“ ist also durchaus vielfältig und in vielen Fällen hochpreisig. Ich persönlich (und ich werde für diese nach Werbung klingende Aussage nicht bezahlt) bin von der Souveränität und Versiertheit der Mitarbeiter der Duden-Sprachberatung, die in den meisten Fällen ohne jedes Zögern eine Antwort samt stichhaltiger Begründung parat haben, ziemlich beeindruckt und nutze diesen Dienst trotz seiner Kosten wirklich gern. Vor dem Hintergrund eines virtuellen Stundensatzes lasse ich die Effizienz entscheiden: ein paar Minuten teures Telefonat oder eine Stunde verzweifeltes Blättern.

In meinen Augen ist es jedenfalls nichts Verwerfliches, sich auch als Lektor hin und wieder Hilfe bei sprachlichen Problemen zu suchen. Das ist für mich kein Armutszeugnis für die Kompetenz eines Lektors. Ich bin überzeugt, dass gerade mit einem breit gefächerten und soliden Wissen über Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik eine Sensibilität dafür entsteht, dass sich nicht jeder im Regelwerk angeführte Beispielsatz in Struktur und Sinn übertragen lässt. Aus dieser Grundsituation entsteht wohl oder übel hin und wieder Unsicherheit über die Anwendbarkeit von Regeln, über die man recherchieren – oder sich eben im Notfall austauschen muss.


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