Stefan Wendel: Als Autorenberater übersetze ich Autorendeutsch–Verlagsdeutsch

Die folgenden fünf Fragen werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Stefan Wendel: Als Autorenberater übersetze ich Autorendeutsch–Verlagsdeutsch Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Statt „Ich mach was mit Büchern“ wäre in meinem Fall zutreffender: Ich mach was mit Autoren, Illustratoren, Agenten und Verlagen. Ich war 20 Jahre Lektor und Programmleiter in Kinder- und Jugendbuchverlagen und habe mich 2011 als Autorenberater selbstständig gemacht, weil ich aufgrund meiner Branchenkenntnis das Gefühl hatte, dass es für diese Art von Dienstleistung einen echten Bedarf gibt. Anders als an einen Agenten muss man sich an mich nicht dauerhaft binden, sondern nur von Fall zu Fall, wenn der Schuh eben drückt oder Orientierung nötig ist. Gründe dafür gibt es viele: Hat mein Buchprojekt überhaupt eine Chance? Wie erstellt man ein professionelles Exposé, mit dem man bei Agenten oder Verlagen auf sich aufmerksam macht? Wie findet man den passenden Agenten oder Verlag? Worauf ist bei Vertragsverhandlungen zu achten? Darüber hinaus bin ich als externer Berater in Sachen Kinder- und Jugendbuch für Roman Hockes AVA international tätig und biete Verlagen klassische Dienstleistungen an: vom Außenlektorat bis hin zu einer umfassenden Beratung in programmstrategischen Fragen und individuell abgestimmten Inhouse-Seminaren zu Lektoratsthemen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Das Schöne an meinem Job ist, dass es keine lähmende Routine gibt! Ich genieße es, dass es sowohl die Action- als auch die ruhigeren Bürotage gibt. Stillarbeit am Schreibtisch, Exposés und Manuskripte lesen, Manuskriptgutachten schreiben, viel telefonieren, mailen, Termine vereinbaren, Workshops und Seminare vorbereiten und halten, den Markt beobachten, für meine Klienten recherchieren, selbst immer am Ball bleiben, z.B. was die Entwicklung des E-Book-Markts anbelangt … Am intensivsten sind die vier- bis sechsstündigen Autoren-Einzelworkshops, die hier bei mir in Stuttgart stattfinden, mit dem Ziel, eine ganz individuelle Strategie zu erarbeiten, wie die jeweiligen Autoren vorankommen und dauerhaft mehr aus sich und ihrer Arbeit machen können.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Früher steckte ich im Getriebe eines größeren Verlages und habe irgendwann festgestellt, dass ich mich fast nur noch in Besprechungen befand: mit dem eigenen Team, mit den anderen Abteilungsleitern, innerhalb der Verlagsgruppe. Alles wichtig, keine Frage, aber Kreativität braucht Raum und Zeit, und meine Zeit für Autoren und Illustratoren sowie deren Bücher wurde immer weniger – und ich immer unglücklicher. Ich weiß, dass es sehr vielen Kollegen in den Verlagen so geht, und beneide sie nicht darum. Heute habe ich Zeit und sehe unsere Branche aus einer gewissen Distanz durch die Brille meiner langjährigen Erfahrung – ich denke, zum Nutzen meiner Klienten, seien es Autoren oder Verlage. Autoren, die zum ersten Mal einen Verlagsvertrag in Händen halten, wird regelrecht schwarz vor Augen. 14 Seiten Vertrag für ein kleines Pappbilderbuch? Da herrscht jede Menge Klärungs- und Erklärungsbedarf, denn man fühlt sich einfach wohler, wenn man weiß und versteht, was man da unterschreiben soll. Und manche Dinge unterschreibt man auch besser nicht … Nur muss man dann halt argumentieren können. Und zwar auf Augenhöhe, nicht als Bittsteller!

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Autoren und Verlage sprechen nicht immer dieselbe Sprache und es kommt manchmal zu Missverständnissen, z.B. in Vertragsangelegenheiten oder bei der Projektpräsentation. Dann bemühe ich mich zu „übersetzen“, damit die Verständigung klappt. Häufig werden Entscheidungen für oder gegen ein Projekt heutzutage auf Exposé-Basis gefällt. Von den Autoren wird da viel verlangt, vor allem viel innerer Abstand zum eigenen Projekt. Und die Gabe, sich und ihr Projekt selbst zu vermarkten. Professionelle Exposés sind eine Kunst. Da kann man als Autor schrecklich viel falsch machen, wenn man den Verlagsjargon nicht kennt und sein eigenes Projekt damit ins Aus schickt, bevor es überhaupt einer näheren Prüfung unterzogen wird. Und bei den Illustratoren kann weniger oft mehr sein. Die neigen gerne dazu, in ihren Portfolios alles zeigen zu wollen, was sie können. Verständlich. Aber Kinderbuchverlage können mit Aktzeichnungen halt schrecklich wenig anfangen, und seien sie auch noch so schön …

Wo finden wir Sie im Internet?

www.autorenberatung.net

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Stefan Wendel


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