Stefan Krücken: Der Weltbestseller des Professors Kloppke

Stefan Krücken: Der Weltbestseller des Professors KloppkeStefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne “Unser kleiner Verlag” gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Die Tür schwang auf und ein älterer Herr schritt in unseren Alten Tanzsaal. Grauer Haarkranz, leicht untersetzt, Anzug, er schob unsere Vertriebsleiterin Judith zur Seite, marschierte quer durch den Saal und stoppte vor meinem Schreibtisch.

„Du bist hier Chef?“, fragte er, bellte das fast, und ich fragte mich im Stillen, ob ich auf dem Weg in den Verlag vielleicht versehentlich einen Dackel überfahren hatte.

„Ja. Aber wer bist du?“, fragte ich zurück.

Man weiß ja nie, wer sich nach Hollenstedt verläuft, dem Beverly Hills der Nordheide. Vor kurzem stand mit einem Mal der Schauspieler Ralph Herforth im Saal, der in TV-Filmen häufig und völlig zurecht als schmieriger Bösewichts besetzt wird, und erkundigte sich mit den Worten: „Hömma, ihr seid doch die Schreiberlinge von diesem McQueen-Buch. Was ist das für eine Uhr auf dem Plakat draußen? Recherchierste mal, okay.“ Aber ich schweife ab.

Meine Gegenfrage brachte den energischen Anzugträger nicht aus dem Konzept. „Mein Name ist Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke (für diese Kolumne geändert). Ich habe ein Buch geschrieben, ein großes Buch. Bestsellergarantie! Nun suche ich jemanden, der damit Geld verdienen will. Sie wollen doch Geld verdienen?“

Ich sagte nichts, brauchte ich auch nicht, denn Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke redete weiter. Der Superbestseller, auf den die Welt wartete und mit dem man reich würde, trug den Titel: „Erinnerungstechnik im Alter“. Gewiss ein Thema, das für das ZDF interessant sein könnte oder für die Apothekenumschau, doch ich sah nicht recht den Punkt.

„Wissen Sie, wir verlegen bei Ankerherz Bücher über Helden des Alltags. Kapitäne, alte Ordensschwestern, an Polizisten sind wir dran und ich weiß wirklich nicht, wie …“, weiter kam ich nicht, denn Professor Dr. Dr. h.c. Kloppke fiel mir ins Wort.

„Dann wird eben jemand anderes damit Geld machen“, zischte er, schritt zur Tür und grußlos ab.

Stefan Krücken: Der Weltbestseller des Professors Kloppke

Stefan Krücken: Der Weltbestseller des Professors Kloppke

Wir bekommen viele Manuskripte angeboten, knapp ein Dutzend in der Woche, manchmal mehr, und für ein kleines Team wie unseres ist das durchaus ein Problem. Ankerherz wurde auch aus Autorentrotz heraus gegründet und wir pflegen unsere Autoren und Fotografen und Illustratoren, wir haben Respekt vor jedem, der eine leere Seite (oder einen leeren Bildschirm) mit Leben füllt. Anfangs haben wir jede Absage persönlich mit einem kleinen Brief begründet. Doch dann stapelten sich die Skripte, wuchsen zu Papiermonstern, die einen jeden Morgen bösartig anstarrten, und wir beschlossen, die üblichen Verlagsmuster zum Thema „unverlangt eingesandt“ auf unsere Homepage zu setzen. Reine Notwehr.

Tatsächlich fragte ich mich oft, warum wir eine Minute Zeit verwenden sollten, wenn a) unser Verlagsname falsch geschrieben war, b) im Anschreiben acht Rechtschreibfehler vorkamen oder c) der Autor sich nicht die Mühe gemacht hatte, nur einen flüchtigen Blick in Verlagsprogramm zu werfen. Ich las Exposés über Wölfe in Rumänien, schlüpfrige Liebesromane, Gedichte über Katzen, den Erlebnisbericht eines Schulausflugs, Witze (aus den Bergen, von der See, Tiere), eine Verschwörungstheorie, jemand hatte Schiffe katalogisiert. Ein Mann war vor Mallorca gesegelt, bei Windstärke fünf, aber nach seiner Einschätzung Stoff für „einen Klassiker der maritimen Literatur.“ Höhepunkt aber war ein Vorschlag vom Planeten Mars: Darin geht es um „Menschheitsabsicherungplatoos“, die Fremdenlegion und einen gewissen „Marcentauri“. 83000 Wörter. Ich habe, um ehrlich zu sein, nach etwas weniger aufgehört zu lesen.

Im nächsten Frühjahrsprogramm erscheint ein Buch, das ein Fotograf vorschlug. Spannendes, originelles Thema, wundervoll fotografiert, ein talentierter Autor schreibt gerade den Text dazu. Wir freuen uns drauf – und sichten weiter jedes Hundegedicht. Vielleicht ist ein Bestseller unter den Kloppkes, oder zumindest etwas, das Spaß macht.

Bildquelle: Stefan Krücken


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