Silvia Holzinger und Peter Haas: Zu Büchern sind wir als Filmemacher beinahe zufällig gekommen

Die folgenden fünf Fragen werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Silvia Holzinger und Peter Haas: Zu Büchern sind wir als Filmemacher beinahe zufällig gekommen

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Silvia Holzinger (Österreich, 46) und Peter Haas (D, 47), also wir sind Filmemacher, leben in Berlin und fabrizieren seit etwas mehr als zehn Jahren gemeinsame Dokumentarfilme. Unseren letzten Film mussten wir aus Mangel an Alternativen selber verwerten und im Laufe von 5 Jahren entwickelten wir eine Strategie, unseren Lebensunterhalt damit unabhängig zu bestreiten. Zu Büchern sind wir beinahe zufällig gekommen, weil uns eines Tages die Idee kam, unsere Methode der Eigenfinanzierung und Selbstvermarktung zu formulieren und zu teilen. Im Sommer 2011 haben wir daher unser erstes Buch geschrieben: “Kann man denn davon leben? Erfolgreiche Eigenvermarktung und Internetökonomie

Es ist ein 244-seitiges Handbuch entstanden – für unabhängige Kreativarbeiter, die – wie wir selbst – von ihrer schöpferischen Arbeit leben wollen. Wir sagen manchmal etwas unbescheiden: Wir haben das Handbuch verfasst, welches wir selbst so dringend gebraucht hätten. Da wir unsere Arbeiten über Communities verbreiten und refinanzieren konnten, kam für uns der Gang zu einem Verlag überhaupt nicht in Frage. Unser Buch erschien letzen Oktober als e-book, zunächst auf unserem Blog und bald auch bei Amazon. Wir haben 100 Vorbesteller für ein Printbook gesucht, erst dann haben wir unsere Erstauflage von 500 Exemplaren drucken lassen. Nach etwa 6 Wochen konnten wir die Kosten des Druckes, der Grafikerin, für Flyer und Aufkleber, usw. also unsere Investition von rund 3.300 Euro direkt wieder einspielen, ohne Verlag, ohne Wiederverkäufer, ohne Verlagsplattform oder e-book-Vertrieb und ohne ISBN-Nummer. Für uns war das nicht besonders erstaunlich, da es uns mit unserem Dokumentarfilm über Joseph Weizenbaum ähnlich ergangen ist. Wir haben jedoch bemerkt, dass es nicht einfach war, eine neue Community rund um unser Buch zu finden und anzusprechen, doch letztlich handelt ja das Buch von der Kunst, eine Community zu finden, die die eigene Kulturarbeit ein Stück weit mitträgt. Nach etwa einem Jahr sind heute mehr als 1.000 Bücher verkauft, wir konnten 200 e-books via Amazon absetzen, jedoch 450 direkt als PDF mit Download verkaufen, sowie etwa 400 Printbooks. Bislang haben wir etwa 10.000 Euro eingespielt, besonders am Anfang sehr viel Arbeit investiert, doch wissen wir nicht, ob wir dieses Experiment wiederholen werden. Seit einiger Zeit liegt das Buch bei boesner, einem Künstlerbedarfskaufhaus, welches sich nicht daran störte, dass wir unser Buch im Eigenverlag vermarkten. Gefreut haben wir uns über Reaktionen aus unserer Community, die sehr breit gefächert war: Filmemacher, Autoren, Musiker, Künstler, aber auch Informatiker, Nerds, Berater und viele Institutionen der sogenannten Kreativwirtschaft.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Es gibt keinen typischen Arbeitsalltag. Unsere Methode der Eigenvermarktung bedeutet ständig im Ausnahmezustand zu leben. Mit der Buchvermarktung haben wir jetzt nichts mehr zu tun, wir haben lediglich 40 Exemplare übrig. Sind die auch verkauft, wird es keine neue Auflage geben. Zur Zeit schneiden wir unseren neuen Dokumentarfilm, nach mehr als 3,5 Jahren Recherche und Dreharbeiten! In der Schnittphase betreiben wir keine aktive Vermarktung, sondern konzentrieren uns auf die Kreation. Es ist schon schlimm genug, dass wir mehr Zeit in die Refinanzierung unserer Filme und des Buches einsetzen müssen, als in die Arbeiten selbst geflossen sind. Leider, leider, aber es ist wahr.

In anderen Phasen sind wir auf Tour und präsentieren unseren Film, meistens in Hochschulen und natürlich nur gegen Honorar. Unsere Filmtour führte uns in mehr als 60 Städte im deutschsprachigen Raum, oftmals vollgepackt mit Recherchen und Drehtagen für das neue Projekt. Wir arbeiten zu Hause und zu zweit und versuchen, beinahe alles selbst zu machen. Eine Trennung von Arbeit und Freizeit gibt es meistens nicht, gerade haben wir unser Arbeitszimmer und das Wohnzimmer mit einem Wanddurchbruch verbunden und hoffen, dass es gut geht.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Anfangs hatten wir riesige Panik, dass man einen Film nicht selber verbreiten kann, dass wir allein auf weiter Flur unabhängig produzieren und ohne jegliche Förderung nirgendwo eine Chance sehen, geschweige denn unsere Schulden abtragen können. Mit der Zeit hat sich unsere DVD sehr gut verkauft, ausschliesslich direkt über unsere Website, das hat uns Mut gemacht. Dazu kam die Erfahrung aus 4-5 Jahren Tournee, die uns viel Feedback, Zuspruch und Zuversicht gebracht hat. Dreimal im Jahr haben wir totale Existenzangst und Panik, meistens im Winter, das ändert sich nicht, das bleibt. Wir verhandeln heute besser denn je, wenn wir z.B. für einen Vortrag oder eine Filmvorführung gebucht werden. Die Kunst, eine Community zu finden und anzusprechen, gelingt uns besser und schliesslich haben wir eine kleine Theorie des Community Buildings im Handbuch formuliert. Daher ist dieser Teil eines Projektes selbstverständlicher, durch Zunahme des allgemeinen Hintergrundrauschens im Netz und anderswo jedoch immer aufwendiger und schwieriger geworden. Wir bemerken eine ernste Krise der Aufmerksamkeit, eine Art kollektives ADHS-Syndrom, welches uns zunehmend Sorge macht. Darauf haben wir keine Antwort.

Beim Buchprojekt war vieles schon einfacher: Wir wussten, wie wir eine Community finden können, woran wir unsere Evangelisten erkennen und was wir von ihnen erfahren können. Wir waren routinierter und weniger nervös als bei der Filmvermarktung. Das Experiment war für uns nicht ganz neu, aber dennoch spannend. Es ist uns leichter gefallen, den Ideenüberdruck zu entwickeln und per Subskription eine Art selber organisiertes, formloses Crowdfunding zu starten. Es hat sich für uns bestätigt, dass es sich auszahlt, eine Idee einfach auszuprobieren und loszulegen, statt auf ungebetene Ratschläge zu hören.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das Ur-Problem unserer Arbeit ist eines, welches fast jeder Freiberufler, Kulturschaffende und Autor kennt: Wie zum Teufel können wir auch weiterhin von unserer Arbeit leben und weitermachen, einen neuen Film oder ein neues Buch entwickeln. Unser Buch ist mit dem Anspruch gestartet, dieses Problem allgemein für Community-basierte Kulturarbeit zu thematisieren. Wir wissen bis heute nicht, ob wir es selbst geschafft haben, aber wir arbeiten erst einmal weiter…

Wenn unser Film im nächsten Jahr fertig sein sollte, fängt die Suche nach einer Community von Neuem an, naja, hurra. Wenn nur jeder Tausendste Chinese unseren Film sehen will…

Wo finden wir Sie im Internet?

Ganz versteckt in einer der entlegenen Ecken des Internet, wo man noch manche Dinge umsonst bekommt, z.B. Leseproben, Filmszenen, Hörproben und viel Zeug zum Download.

Blog und Leseprobe: www.kann-man-denn-davon-leben.de

“Weizenbaum. Rebel at Work”, 79 min., 2006   www.ilmarefilm.org

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Peter Haas


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