Andrea Offermann: Illustratoren arbeiten fast ausschließlich freiberuflich und sind daher Einzelkämpfer

Die folgenden fünf Fragen werden regelmäßig von den unterschiedlichsten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.)

Andrea Offermann: Illustratoren arbeiten fast ausschließlich freiberuflich und sind daher Einzelkämpfer

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Meine Name ist Andrea Offermann und ich mache Bücher. Genau genommen mache ich Bilder für Bücher. Ich bin freiberufliche Illustratorin und illustriere alles von Weinlabeln über Comics bis hin zu Magazinen, aber hauptsächlich und am liebsten Bücher.

Studiert habe ich am Art Center College of Design in den USA, und vielleicht auch durch diese Verbindung arbeite ich nach wie vor sehr viel für amerikanische Verlage. Zurzeit illustriere ich hauptsächlich Jugendbücher. Aber auch Erwachsenenromane, Kinder- und Vorlesebücher sind dabei.

Zusätzlich bin ich seit 2 Jahren Vorstandsmitglied der Illustratoren Organisation e.V., dem Berufsverband der Illustratoren, der sich für die fachliche und rechtliche Unterstützung und den Austausch unter den Kollegen einsetzt. Der Ausbau solcher Strukturen ist besonders für Selbstständige sehr wichtig, und ich bin dankbar für den regen Kontakt mit Kollegen, die ebenso buchverrückt sind wie ich.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Da ich freiberuflich arbeite, muß ich meine Arbeitstage selbst einteilen, das hat anfangs viel Disziplin erfordert. Ich beginne zu “normalen” Arbeitszeiten zu arbeiten, da ich dann auch am besten mit Auftraggebern kommunizieren kann. Der Morgen ist meist für die unternehmerische Seite meines Berufs, Emails, Telefonate und allgemeine Büroarbeiten reserviert. Nachmittags und oft auch bis in den Abend hinein, wenn es ruhiger ist, zeichne und male ich. Wenn ich an einem großen Projekt arbeite, kann es auch mal sein, dass ich nachts arbeite, um ungestört zu sein. Hinzu kommt die Zusammenarbeit mit Auftraggebern in anderen Zeitzonen, die es manchmal erforderlich macht, routinemäßig abends und nachts zu arbeiten.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Ich arbeite vermehrt digital und kommuniziere meist per Email. Auch Bilder sende ich hauptsächlich digital. Gerade die Kommunikation mit internationalen Auftraggebern funktioniert dadurch viel einfacher, es ist längst nicht mehr wichtig, wo der Illustrator tatsächlich wohnt. Aber ich lege nach wie vor viel Wert darauf, die Lektoren, mit denen ich arbeite, persönlich zu kennen.

Durch Entwicklungen wie E-Book und digitale Plattformen für Bücher und Comics stellt sich auch vermehrt die Frage, wie Illustrationen für diese neuen Medien optimal weiterentwickelt werden können. Es gibt ja inzwischen ein breites Spektrum, angefangen bei Bilderbüchern, die unverändert zum gedruckten Buch digital angeboten werden, bis hin zu komplett durchanimierten Bilderbüchern mit Spielen und Lernapplikationen. Ich finde diese Entwicklung sehr spannend und sehe hier für Illustration eine große Chance, sich weiterzuentwickeln und ein wichtiger Bestandteil dieser neuen Medien zu werden. Andererseite herrscht aber auch viel Verunsicherung darüber, wie erfolgreich diese neuen Medien sein werden, und wie sich der Illustrator rechtlich und finanziell in dieser neuen Welt zurechtfinden soll und kann.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Allgemein sehe ich folgendes typisches Problem: Illustratoren arbeiten fast ausschließlich freiberuflich und sind daher Einzelkämpfer. Dieser Umstand macht Akquise, Verhandlungen, Verhalten bei rechtlichen Fragen und den Austausch unter Kollegen oft schwierig. Die IO hat mir hier besonders am Anfang sehr geholfen und ich habe jetzt sehr großes Interesse daran, die Unterstützung für meine Kollegen auszubauen. In den letzten Jahren sind eine Rechtsschutzversicherung, Rechts- und Vertragsberatung für die Mitglieder dazugekommen, und in diesem Jahr feiert der Verband sein 10-jähriges Jubiläum mit Ausstellungen, Workshops und natürlich einer großen Party im Herbst zur Buchmesse. Es ist viel passiert, aber hier stehen wir noch am Anfang und viele Probleme, wie der Ansatz einer Verhandlung mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels für einen Standardvertrag zwischen Verlagen und Illustratoren, sind noch ungelöst.

Speziell bei der Illustration von Büchern fällt mir immer wieder folgendes Problem auf: Bei (Kinder-)Buchprojekten gelten oft marktübliche Vorschusshonorare plus prozentuale Beteiligung am Verkauf. Der Vorschuss ist oft sehr niedrig und deckt im besten Fall ein Drittel bis die Hälfte des Arbeitsaufwandes ab. Ein Buch zu illustrieren lohnt sich also meist nur, wenn das Buch sich gut verkauft und immer wieder neu aufgelegt wird. Da besonders Kinderbücher aber immer kürzere “Lebenszeiten” haben, oft nach spätestens 3-5 Jahren vom Markt genommen werden, hat das Buch oft keine Chance, zu einem Longseller zu werden. Viele meiner Kollegen, die wie ich leidenschaftlich gerne Bücher illustrieren, arbeiten daher noch in anderen Bereichen der Illustration, als Dozenten oder sogar in völlig anderen Berufen, um sich die Buchillustration “leisten zu können”. Ein Zustand, von dem ich mir wünschen würde, dass er sich ändert.

In diesem und anderen Zusammenhängen beobachten wir Illustratoren auch aufmerksam die Debatte um Änderungen im Urheberrecht. In meinem Beruf verdiene ich mein Geld zu einem sehr großen Teil über die Einräumung von Nutzungsrechten an meinen Werken, die rechtliche Grundlage hierzu ist im Urheberrecht verankert. Zum Beispiel habe ich ein Jugendbuch für einen amerikanischen Verlag illustriert. Das Honorar deckte nur etwa die Hälfte des Arbeitsaufwandes ab. Ich habe deshalb mit dem Verlag die Beschränkung der Nutzungsrechte auf die USA und Kanada vereinbart, und mir damit ermöglicht, durch den Verkauf der Nutzungsrechte für andere Länder wenigstens einen Teil des Fehlbetrags dazuzuverdienen. Wäre ich nicht in der Lage, dieses und ähnliche Zusatzhonorare zu verhandeln, könnte ich im Beruf Illustrator nicht überleben.

Und dies ist nur die kommerzielle Seite des Urheberrechts. Hinzu kommt die “Entmündigung”. Das Urheberrecht schützt uns Illustratoren – und natürlich alle anderen Kreativen – davor, dass unsere Arbeit in Zusammenhängen auftaucht, die wir nicht wünschen (das beliebte Beispiel der eigenen Illustration genutzt für Nazi-Propaganda). Viele Kollegen sind besorgt, dass sie durch radikale Änderungen im Urheberrecht, wie sie von einigen Parteien vorgeschlagen werden, das Recht verlieren, sich dagegen wehren zu können, wenn ihre Arbeiten in Kontexten genutzt werden, die sie nicht vertreten. Unabhängig davon kann die Verbindung mit einem solchen Kontext im schlimmsten Fall sogar beruflich schaden und dafür sorgen, dass Aufträge ausbleiben.

Es ist durchaus richtig, eine Diskussion über die Anpassung des Urheberrechts an neue Anforderungen zu führen, mir scheint jedoch manchmal, dass die Debatte von einigen genutzt wird, um völlig andere Interessen, wie freie Nutzung von kreativen Werken, durchzusetzen. Das würde vielen Kreativen die Lebensgrundlage entziehen. Ein Ansatz zur Lösung dieses Problems könnte sein, in der Debatte darauf zu achten, dass nicht nur die lautesten Stimmen gehört werden. Dazu gehört aber auch, dass die Kreativen sich Gehör verschaffen, wie sie es ja inzwischen z.B. durch die Initiative Urheberrecht (IU) tun.

Wo finden wir Sie im Internet?

Auf meiner Webseite www.andreaoffermann.com, meinem Blog und über die Seite der Illustratoren Organisation e.V..

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Georg Stelzner


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