Susanne Brandt: Die Vorstellung vom eher beschaulichen Alltag einer Bibliothekarin war vermutlich immer eine Legende

Susanne Brandt
Susanne Brandt

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Mein Name ist Susanne Brandt. Seit 45 Jahren interessiere ich mich für Bücher, seit fast 25 Jahren arbeite ich als Bibliothekarin und seit über 15 Jahren schreibe ich auch selbst welche. Dabei liebe ich besonders die Vielfältigkeit, die Kreativität und die anregenden und inspirierenden Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen und Themen, die mit dieser Bücherleidenschaft verbunden sind.

Die letzten 11 Jahre habe ich ein kleines kulturelles Netzwerk mit vier Ortsbüchereien in Ostfriesland geleitet und mich dort vor allem für die Kooperation und den Austausch der Büchereien mit Schulen, Kindergärten, Autoren, Theatergruppen und anderen Initiativen engagiert. Viele spannende Projekte und innovative Impulse für die bibliothekarische Arbeit – auch mit überregionalem Horizont – ließen sich daraus neu entwickeln. Die tägliche Vermittlung und Erschließung von Geschichten, Themen und Texten aller Art empfinde ich als derart anregend und belebend, dass daraus auch einige neue Buchideen entstanden sind, die ich in Zusammenarbeit mit verschiedenen Verlagen dann wiederum als Autorin in meiner Freizeit verwirklichen konnte.

In diesem Sommer nehme ich eine neue Herausforderung an und ziehe nach Flensburg, um dort als Lektorin für die Büchereizentrale Schleswig-Holstein tätig zu werden. Viele Erfahrungen aus meiner bisherigen Tätigkeit werde ich sicher in das neue Aufgabengebiet mit einbringen können. Aber ebenso freue ich mich auf ganz neue Fragestellungen, die sich dort ergeben werden. Wieder heißt es dann: Lernen, entdecken, mitgestalten, in vernetzten Zusammenhängen denken und im Team auf aktuelle Trends mit kreativen und dienstleistungsorientierten Ideen reagieren.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Dass sich durch das heute stark veränderte Medienangebot auch die Arbeit in der Bibliothek grundlegend verändert hat, liegt auf der Hand. Internetrecherchen und -quellen, E-Books und alles, was da in den nächsten Jahren noch auf uns zukommt, schenken uns ganz neue Möglichkeiten für die Erschließung und Bereitstellung von Informationen. Wir befinden uns schon seit einiger Zeit in einer tiefgreifenden Umbruchphase und müssen viele Dienstleistungen und Angebote ganz neu definieren.

Doch nicht nur die Medienlandschaft hat sich verändert – auch den verschiedenen Zielgruppen wenden wir uns heute viel bewusster zu: Von der Krabbelgruppe bis zum Seniorenheim – für jede Lebenslage gibt es inzwischen spezielle Bibliotheksprogramme, die von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ein zunehmend interdisziplinäres Wissen und die Bereitschaft zum ständigen Dazulernen fordern. Auch das ist ein Grund, warum ich mich jetzt dazu entschlossen habe, neue Aufgaben in einem größeren Fachteam zu suchen und bei der Gestaltung und Bereitstellung von Dienstleistungen den Blick inhaltlich wie regional zu weiten. Denn was sich an Veränderungen in Bibliotheken gerade tut und zukünftig noch verstärken wird, lässt sich nur in guter Kommunikation mit Fachkollegen, Bürgern, Autoren, Bildungspartnern, Medienmarkt und Wissenschaft konstruktiv mitgestalten.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das rasante Tempo, mit dem sich die Veränderungen und technischen Entwicklungen auf dem Medienmarkt ereignen, empfinde ich teilweise als Widerspruch zu dem tiefen Bedürfnis, über viele Fragen und Anregungen, die sich im täglichen Umgang mit Themen und Texten ergeben, kritisch und gründlich nachzudenken – und das durchaus auch mal im Sinne einer „schöpferischen Muße“.

Die Vorstellung vom eher beschaulichen Alltag einer Bibliothekarin war vermutlich immer eine Legende – heute aber wirkt das Bild geradezu absurd angesichts der vielfältigen Aufgaben und Erwartungen, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Die gleichzeitige Verknappung von Personal durch zunehmende Einsparungen im kommunalen und kulturellen Bereich trägt sehr dazu bei, dass immer wieder das Gefühl entsteht, nicht mehr wirklich „schöpferisch“ diese eigentlich sehr spannenden Prozesse mitgestalten zu können.

Mein persönlicher Anspruch an meine Arbeit ist es dennoch, vor allem der menschlichen Seite immer genügend Aufmerksamkeit zu schenken! Die Bibliothek bleibt bei allen Veränderungen ein Raum für Menschen, und die Vermittlung der dort angebotenen Medien und Informationen geschieht durch Menschen. Wenn ich also Medien für Bibliotheksbestände auswähle oder mit anderen über neue Dienstleistungsangebote und Projekte nachdenke, dann steht für mich die Frage nach den verschiedenen Erwartungen und Bedürfnisse der Menschen, für die ich das tue, ganz oben an. Und das bedeutet dann wieder: Die Arbeit für und mit Menschen braucht Einfühlungsvermögen, genaues Wahrnehmen, Überdenken und Vermittlung. Und das alles braucht Zeit, vielleicht manchmal sogar jene „schöpferische Muße“, ohne die ein Leben mit Menschen und Büchern nicht denkbar ist – weder privat noch beruflich.

Hier immer wieder eine gute menschenfreundliche Balance zu suchen zwischen der alten Kunst des Entdeckens und Nachdenkens, des (Vor-)lesens und Erzählens als elementare und ursprüngliche Formen der Welterfahrung einerseits und den neuen, oft sehr schnellen Möglichkeiten der vernetzten Informationsvermittlung mit ihrem reizvollen Entwicklungspotential andererseits – das ist für mich ein Weg, mit dieser Situation zurecht zu kommen.

Und trotz der mitunter schwierigen Gemengelage von vielfältigen Erwartungen, Umbrüchen und Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht die Liebe und Leidenschaft für Bücher und Menschen mit ihren Geschichten und Anliegen zu verlieren – das ist vielleicht das wichtigste überhaupt.

Wo finden wir Sie im Internet?

Beruflich: Bis Mai 2011: www.westoverledingen.de / Ab Juni 2011: www.bz-sh.de
Und sonst: http://de.wikipedia.org/wiki/Susanne_Brandt

Bildquelle: Susanne Brandt
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Diese vier Fragen werden regelmäßig von Leuten aus der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Probleme in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen in Ihrer Bucharbeits-Umgebung bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen.

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