Stefan Krücken: Warten auf George Clooney

Stefan Krücken: Warten auf George ClooneyStefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne “Unser kleiner Verlag” gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Früher wurde in unserem Verlagshaus vor allem getanzt, geknutscht und gesoffen, und wir finden das gut. Unser kleiner Verlag hat seine Weltzentrale in 21279 Hollenstedt, etwa zwanzig Autominuten südlich von Hamburg. Hinter dem Backsteingebäude fließt ein Bach, wir sehen aus unseren großen Fenstern auf weite niedersächsische Wiesen und den Kirchturm, es ist wirklich idyllisch. Unser Nachbar heißt Henning, er räuchert den unbestreitbar besten Schinken der Welt und fährt eine Harley-Davidson; Max Schmeling, der Ortsheilige, wurde hier zu Grabe getragen und es soll tatsächlich Menschen geben, die zum urlauben ins Dorf kommen. Unser Büro, der Alte Tanzsaal, ist groß wie ein halbes Handballfeld. Bis in die Nachkriegsjahre schob hier die Dorfjugend über die Tanzfläche, im vorderen Bereich stand ein Kneipentresen.

Stefan Krücken: Warten auf George Clooney

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Unsere Vormieter betrieben: ein Kino, einen Antiquitätengeschäft, zuletzt war ein Fliesenladen im Saal untergebracht. Als wir vor etwa einem Jahr einzogen, renovierten wir gründlich, strichen die Wände kaminrot und die Pfeiler weiß, hängten unser Logo, das Ankerherz, groß und beleuchtet an die Wand hinter der Couch, schoben dänische Designmöbel in den Saal und brachten Steve McQueen draußen an der Hauswand an. McQueen lehnt aus einem Autofenster und ist zwölf Quadratmeter groß (unser Top-Buch zur Zeit des Einzugs war eine Biographie, die seine letzte Frau Barbara erzählt). Damit sorgten wir in Hollenstedt für Aufregung. In der Mittagszeit kommen unsere drei Kinder aus Schule und Kindergarten, sie lieben unser Büro, weil sie hier gerne Fahrradfahren oder Ball spielen. Zuerst kursierten im Dorf Gerüchte, eine seltsame Kindertagesstätte habe eröffnet. Dann hieß es, eine neue Bierkneipe. Und schließlich gab es dieses Gespräch beim Tierarzt, als unsere Hund „Jupp“ krank wurde. Eine ältere Dame saß im Wartezimmer, eine Katze auf ihrem Schoß. Sie fragte: „Wissen Sie, wer die Neuen an der Estetalstraße sind? Das…“, sie senkte verschwörerisch die Stimme, „das soll ja ein Bordell sein!“

Kindertagesstätte, Bierkneipe, Bordell – das Wort „Verlag“, das unter Steve McQueen in die Wand gedübelt ist, schien nicht recht verstanden worden zu sein. Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, beschlossen wir, einen „Samstag der Offenen Tür“ zu veranstalten und alle einzuladen. Wir kochten Kaffee, wir schmierten Brote, wir stellten Prosecco kalt und ließen Marvin Gaye den Raum beschallen. Es war ein sonniger Tag, wir hatten in der Dorfzeitung inseriert und Schilder aufgestellt, was man so macht. Niemand kam. Keiner. Wobei, das stimmt nicht: Einer öffnete die Tür, aber der hatte sich verfahren und fragte nach dem Weg.

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Die Rettung hieß Axel Prahl. Unser Freund Axel las in Hamburg aus unserem Buch „Sturmkap“, und wir fragten ihn, ob er bei uns übernachten wolle und am Sonntagmorgen für einen guten Zweck auftreten, für Kinder aus Tschernobyl, die auf Einladung der Kirche in den Ferien kamen. Die Idee von „Hollywood in Hollenstedt“ war geboren. Das halbe Dorf erschien, um den berühmten „Tatort“-Kommissar zu sehen, Axel Prahl las und sang, es gab Kaffee, Schinkenbrote, Bier und Schnaps und wir mußten die Türen schließen, weil es zu voll wurde. Mehr als 2800 Euro bekam der Pastor. Zur zweiten Ausgabe von „Hollywood“ begrüßten wir drei Monate später Emmy-Preisträger Cameron Glendenning aus Los Angeles (und 250 Gäste an einem Champions-League-Mittwochabend); Anfang Dezember freuen wir uns auf Uwe Friedrichsen. Das Dorf ist wie elektrisiert, und wir warten darauf, wann erste Gerüchte von George Clooney in Hollenstedt künden.

Stefan Krücken: Warten auf George Clooney

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Heute Morgen kam unser Schinkennachbar Henning auf einen Kaffee vorbei. Ich erwähnte beiläufig, dass wir das Plakat von Steve McQueen austauschen wollen gegen ein Sturmmotiv von der Beringsee, unser neues Buch.
„Macht das nicht“, riet er, machte eine Pause und sah mich ernst an.
„Wieso nicht?“, fragte ich.
„Jetzt haben sich endlich alle daran gewöhnt, dass ihr mit Autoteilen handelt.“

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Bildquelle: Stefan Krücken
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