Stefan Krücken: Was zählt

Stefan Krücken: Was zähltStefan Krücken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (Fb). In seiner Kolumne “Unser kleiner Verlag” gibt er uns Einblicke hinter die Verlagskulissen.

Im Leben jedes Menschen, egal ob Astronaut, Frittenbudenbetreiber oder Ölmagnat, stellt sich irgendwann die Frage: Warum mache ich das eigentlich? Es gibt Berufe, in denen stellt sich die Sinnfrage gewiss häufiger, aber wir wollen hier nicht über Aktienhändler sprechen. In solchen Momenten erinnere ich mich an die schönen Dinge, an den wahren Grund, an den Kern dessen, warum wir Bücher publizieren. An das Gefühl, wenn der Laster auf dem Weg zur Auslieferung in Göttingen eine Palette in unserem Alten Tanzsaal ablädt, an eine Lesung, wenn Zuhörer gerührt sind, an den Stolz, wenn ein Werk ausverkauft ist. In 2011 gab es viele solcher Augenblicke, in denen nichts schöner ist, als Verleger zu sein, und der besonderste Moment hatte etwas mit der Frankfurter Buchmesse und unserem Buch „Godafoss“ zu tun.

Stefan Krücken: Was zähltIn „Godafoss“ geht es um den Untergang des kleinen isländischen Frachters, der im November 1944 von einem deutschen U-Boot versenkt wurde, zwei Stunden vor dem Heimathafen; tragischerweise hatte sich der Kapitän entschieden, entgegen aller Anweisungen zu stoppen und englische Schiffbrüchige zu retten, deshalb war das Schiff ins Visier des U-Boots geraten. Dem isländischen Reporter Ottar Sveinsson war es gelungen, fast alle Überlebenden der Katastophe aufzusuchen und ihre Geschichten zu notieren, und ich hatte den Funker von U-300 entdeckt und interviewt. Die Arbeit am Manuskript zog sich über Monate; Ottar und ich trafen uns mehrfach in Reykjavik und in Hamburg, wir wurden Freunde. Dank Halldór Guðmundsson und Thomas Böhme, den sagenhaften Köpfen von „Sagenhaftes Island“, dem Gastland der Buchmesse, wurde ein Ereignis möglich, das keiner von uns vergessen wird: Wir brachten Sigurdur Guðmundsson, einst Matrose der „Godafoss“, einst 18 Jahre alt, und Horst Koske, damals Funker, damals neunzehn Jahre alt, erstmals zusammen.

Alle waren aufgewühlt vor dem Treffen, sehr nervös, wir überlegten, dass ein Arzt anwesend sein sollte, falls es für die alten Herren zuviel würde; je näher wir im Auto Richtung Frankfurt kamen, desto mehr war zu spüren, welche Bedeutung dieser Tag hatte. Horst Koske, 86, erzählte, dass er bis vor kurzem Alpträume durchlitt, in jeder Nacht einen Sandberg hinauflief, um darin zu ertrinken. Dann kam die große Stunde, Messehalle, isländischer Pavillon, mehrere hundert Zuhörer, es war soweit. Islands Außenminister hielt die Eröffnungsansprache, der Schauspieler Joachim Król las bewegend und wunderbar, und dann rief der Moderator die Namen der Überlebenden. Horst Koske, der gehbehindert ist, stand unsicher auf. Sigurdur Gudmundsson eilte auf ihn zu, er rief: „I don´t hate you, I love you“, dann nahmen sie sich in den Arm und die Tränen liefen, Erleichterung und Rührung, bei den alten Männern und bei allen, die diesem Moment beiwohnen durften.

Stefan Krücken: Was zählt

Als wir Abends in einem Restaurant zusammen aßen, brummte Ottars Handy ununterbrochen. Die Begegnung war Hauptmeldung in allen Nachrichtensendungen, denn der Untergang der „Godafoss“, der 42 Menschen das Leben kostete, ist bis heute ein nationales Trauma für das kleine Land; „Spiegel online“ brachte einen feinen Beitrag, Zeitungen in England und auch der „Corriere della Serra“ berichtete. Am nächsten Morgen durften wir Islands Präsident Ólafur Ragnar Grímsson besuchen, der jedes Detail unseres Buchs bereits zu kennen schien. Das Schönste aber war, den alten Herren zuzusehen, wie sie darin blätterten, wie sie ohne Groll Fotos ansahen, sich von ihrem Leben erzählten, von den Kindern und Enkeln. Als seien sie alte Freunde, als würden sie sich schon immer kennen. Alles machte soviel Sinn an diesem Abend.

Stefan Krücken: Was zählt

Im Frühjahr werden wir nach Island reisen, mit Horst Koske und seinem Sohn. Islands Präsident hat uns eingeladen. Wir werden die Stelle besuchen, vor einem Leuchtturm, an der die „Godafoss“ vermutlich auf dem Meeresboden liegt. Mit unseren isländischen Freunden wollen wir der Opfer der „Godafoss“ gedenken, und es gibt Überlegungen, das Friedenslicht von Reykjavik einzuschalten, eine Lichtinstallation von Yoko Ono, die sonst nur nach dem Geburstag von John Lennon in die Nacht über Island strahlt. Wir freuen uns darauf. Wieder so ein Moment.

Von links nach rechts: Stefan Kruecken (Ankerherz Verlag), Sigurdur Gudmundsson, Horst Koske, Ottar Sveinsson (Reporter Island) Stefan Krücken: Was zählt

Im Hafen von Reykjavik Stefan Krücken: Was zählt

Bildquelle: Stefan Krücken
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