Simone Dalbert: Beratungswahnsinn

Simone Dalbert

Simone Dalbert (www.papiergefluester.com) kann nicht ohne Bücher. Als Buchhändlerin bringt sie ihre Lieblinge täglich in Umlauf und steckt Kunden mit ihrer Begeisterung an. Hier gewährt sie uns nun Einblicke in die Welt des Buchhandels, die hinter den Kulissen die eine oder andere Kuriosität zu bieten hat.

Bücher werden ja immer wieder gerne verschenkt, zum Glück. Nicht nur, weil wir sie dann verkaufen dürfen, Bücher sind auch ein tolles Geschenk. Man verschenkt ja nicht nur ein bisschen Papier mit Druckerschwärze drauf, sondern ein Stückchen einer anderen Welt.

Leichter fällt das natürlich, wenn man weiß, welche Welt dem oder der Beschenkten gefallen könnte. Weiß man sich selbst keinen Rat, fragt man die nette Buchhändlerin von nebenan, die sich gerne mit auf die Suche nach dem perfekten Geschenk begibt. In der Vorweihnachtszeit von Tag zu Tag öfter.

Die erste Frage ist dabei immer dieselbe: „Für wen soll das Geschenk denn sein?“ Im Idealfall erfährt man aus der Antwort das Geschlecht des Opfers und eine ungefähre Altersangabe. Wobei Jahrzehntangaben durchaus hilfreich sind. Wenn mir eine ältere Dame gegenüber steht und meint „Für eine jüngere Dame“, kann das alles zwischen Zwanzig und Siebzig sein.

Ausgerüstet mit dem ersten groben Raster Geschlecht und Alter, kann es weiter gehen auf der Suche nach dem perfekten Buch. „Was liest er oder sie denn gerne? Soll es eher ein Krimi sein, oder vielleicht etwas historisches?“ Oft ist der Lesegeschmack leider nicht bekannt. Was grundsätzlich ja Platz für viele Empfehlungen bieten würde. Aber meistens stellt sich heraus, dass jedes vorgeschlagene Buch aus irgendwelchen Gründen nicht passt, weil … Und plötzlich kennt man den Buchgeschmack doch ganz gut.

Wenn der Geschmack der oder des Beschenkten zu genau bekannt ist, erleichtert das die Suche aber keineswegs. Man soll nicht glauben, was ein Buch alles sein soll und doch wieder nicht. Bitte anspruchsvoll, aber leicht zu lesen, ernsthaft aber nicht zu traurig und am besten noch lustig dazu, auf keinen Fall eine Liebesgeschichte oder etwas aus dem Mittelalter. Jedes vorgeschlagene Buch wird eines der Kriterien nicht erfüllen, unermüdlich gräbt die Buchhändlerin weiter, empfiehlt einmal quer durch die Buchhandlung. Um zu guter letzt zu hören: „Ich glaube, ich nehme dann doch den neuen Roman von Nora Roberts“. Soll ich ihr sagen, dass er im Mittelalter spielt?

Die kürzeste Beratung meines bisherigen Buchhändlerlebens endete schon nach der Frage „Für wen soll das Buch denn sein?“. Die wurde dermaßen schneidend mit „Für meine Schwiegermutter!“ beantwortet, dass mich gar nicht mehr traute, weitere Fragen zu stellen. Ich hoffe, die Schwiegermutter hatte Spaß mit dem neuesten Roman von Nora Roberts.

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