René Kohl: Seit jetzt 12 Jahren führe ich die Internetbuchhandlung Kohlibri

René Kohl
René Kohl

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich bin gebürtiger Berliner, lebe im Prenzlauer Berg und verkaufe seit ca. 25 Jahren Bücher. Gelernt habe ich den Beruf des Sortimentsbuchhändlers in einer kleinen Stadtrand-Buchhandlung, danach habe ich fast 10 Jahr in Independent-Verlagen gearbeitet (Gatza, Rotbuch, Bollmann), dann habe ich in einem Crash-Kurs vieles über das Versandhandelsgeschäft gelernt (und eine nicht funktionierende Versandbuchhandlung abgewickelt), und seit jetzt 12 Jahren führe ich die Internetbuchhandlung Kohlibri und war bis vor 2 Jahren flankierend noch an TXT, der Webagentur für Verlage, beteiligt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Ein was bitte? Den letzten typischen Arbeitstag hatte ich, als ich als Teilzeit-Student in einer Fabrik arbeitete…

OK, also im Moment geht ein Tag so: Nachdem ich meine Tochter in die Schule gebracht hab, bin ich als erster im Büro und genieße die Ruhe der ersten Stunde überwiegend mit Branchen-Recherche, Facebook, Perlentaucher, Fachpresse…

Am Vormittag dann Tagesgeschäft – das heißt für mich vor allem: Ansprechpartner sein für 2 Kollegen aus der Online-Redaktion, neue Werbeschwerpunkte definieren, mit dem Kollegen aus der Technik die Webseiten von Kohlibri weiterentwickeln (kohlibri.de, kohlibri-kids.de, die neue Non-Book-Seite Haben & Gaben, die künftige eBook-Seite buch-to-go.de sowie den Partnershop von Psychologie heute.), dazu im Vertrieb knifflige Versandprobleme lösen (Verpackung für volumige Nonbooks, günstigen Versand für Zeitschriften ins Ausland, Richtlinien und Limits für Lieferung in offener Rechnung definieren…).

Am Nachmittag dann, wenn langsam wieder Ruhe einkehrt im Hause: Neue Newsletter erstellen (ca. alle 14 Tage ein großer Newsletter mit den wichtigsten aktuellen Empfehlungen). Dazu die kleinen schnellen Facebook-Tipps festlegen undundund

Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren bzw. in der letzten Zeit verändert?

Ich sehe 3 große Veränderungen: Wir waren lange Jahre überwiegend Partnerbuchhandlung vieler Verlage, deren Online-Shop wir betrieben. Fast alle Verlage (von unseren Ex-Partnern zum Beispiel Kunstmann, Peter Hammer, Ch. Links) machen das Geschäft jetzt selbst – offenbar brauchen sie den Buchhandel hier nicht mehr.

Wir haben dafür unser eigens generiertes Geschäft stark vorangetrieben. Hier sind wir ständig auf der Suche nach den Nischen, die bei den großen Online-Händlern entstehen. Wir haben uns hier in den letzten Jahren unter anderem auf die anspruchsvollsten buchhändlerischen Artikel konzentriert: Werk- und Gesamtausgaben, Zeitschriften-Editionen. Außerdem auf Titel, die vor allem durch ausführliche Präsentation, liebevolle Kleinarbeit, größeren Erklärungsbedarf verkauft werden, Titel wie Arno Schmidts Zettels Traum etwa, oder die Brockhaus Enzyklopädie oder Kindlers Literaturlexikon, für die wir eigene Webseiten eingerichtet haben.

Wir machen außerdem mittlerweile einen großen Umsatz mit Nonbooks – in diesem Frühjahr war für mich der Besuch der Messe Ambiente daher genauso Pflichtprogramm wie der der Leipziger Buchmesse.

Und wir bereiten uns auf den Einsteig in den eBook-Handel vor. Ich vermute, hier wird sich, auch für Kohlibri, die Zukunft entscheiden. Können klassische Buchhändler in diesem Bereich mitmischen, und wie soll das gehen?

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das Grundproblem ist immer: Wo wird es langgehen…? Unser Geschäft strukturiert sich seit 12 Jahren ständig neu. Ich schätze, wir machen jedes Jahr mindestens 20% unseres Umsatzes mit Neugeschäft, mit Geschäftsfeldern, die wir vorher noch nicht kannten, die wir uns neu erarbeiten müssen. Das fühlt sich an wie permanent beim Segeln das Segelboot umbauen.

Im Moment suchen wir, wie beschrieben, nach der richtigen eBook-Shop-Struktur. Wahrscheinlich werden wir es angehen wie die meisten Neugeschäfte: Wir sprechen mit vielen Kollegen (wir sind wohl ganz gut vernetzt in der Branche), und dann, so sieht es jetzt langsam aus, kristallisiert sich meist die für uns passende Strategie heraus.

Ich neige dabei im Internet-Geschäft dazu, die digitalen Prozesse mit Prozessen, die mir schon aus der nichtdigitalen, physischen Welt bekannt sind, zu vergleichen. Die dort gefundenen Lösungen versuche ich dann wieder auf meine Internet-Probleme zu übersetzen. Damit bin ich in all den Jahren gut gefahren.
Auf den eBook-Bereich bezogen heißt dies für mich: Auch wenn die Mehrzahl der Branchenteilnehmer offenbar glaubt, mit eBooks sei alles ganz anders als mit physischen Büchern, glaube ich an einen klassischen Geschäftskern und  daher auch daran, dass ein gut ausgebildeter Buchhändler im eBook-Handel seinen Platz finden müsste.

Wo finden wir Sie im Internet?

Im Moment so ziemlich auf allen Kanälen: kohlibri.de, kohlibri-blog.de, Twitter, Facebook, XING, außerdem diskutiere ich im Börsenblatt und beim Buchreport.

Bildquelle: (c) Cornelius Jaeger
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Diese fünf Fragen werden regelmäßig von interessanten Köpfen der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen.

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