Annette Schwindt: Wie es einem ergeht, wenn man ein Tabuthema vertritt

Annette Schwindt wollte wie so viele eigentlich einen Roman schreiben. Doch daraus wurde (noch?) nichts. Zuerst jobbte sie als Literaturkritikerin bei einer Tageszeitung, dann veröffentlichte sie Glossen und Kurzgeschichten, wurde in Buchprojekte von anderen involviert, begann zu bloggen. Inzwischen hat sie sich als Fachbuchautorin einen Namen gemacht und berät Verlage bei ihren Aktivitäten im Social Web. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Büchern und deren Geschichte:

Bei der Recherche zu oben genanntem Roman lernte ich Ende der 90er Jahre den Fotografen Rasso Bruckert kennen. Wie es einem ergeht, wenn man ein Tabuthema vertritt, konnte ich in mit ihm in den folgenden Jahren erfahren:

Rasso war durch seine Ausstellung „Ganz unvollkommen“, Fotos von paralympischen Wettkämpfen und durch seine Dokumentationen und Kalender mit Medical Service kein Unbekannter – allerdings vorwiegend in Kreisen von Menschen mit Behinderung. Seine Ausstellungen wurden u.a. bei den Paralympics von Atlanta und Sydney gezeigt, die Akt-Ausstellung „Ganz unvollkommen“ wurde an verschiedenen Orten gezeigt und später brachte ich sie auch selbst an ein paar Veranstalter.

Annette Schwindt: Wie es einem ergeht, wenn man ein Tabuthema vertritt

Versuche, aus seinen Projekten Bücher zu machen, liefen – wie er mir immer wieder erzählte – trotz gezielter Verlagsauswahl zunächst ins Leere. Und Selbstverlag oder eine hohe Eigenbeteiligung kam aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Ich bekam das damals nur so am Rande mit, wenn wir uns mal trafen oder telefonierten. Manche Verlage hielten nicht einmal eine Absage für nötig, erzählte er mir jetzt. „Einer schickte eine besonders merkwürdigen Brief“, erinnert sich der Fotograf, „und als ich zurück fragte, was das sollte, hieß es: Oje, da hat jemand die falsche Absagenvorlage ausgedruckt.“

Als sich doch noch ein Verlag für Rassos erstes Buch fand, war meine Freude groß: „Ganz unvollkommen“, das Buch zur 1995 gestarteten Ausstellung erschien auf Vermittlung eines Fans hin endlich 2003 im Ernst-Reinhardt-Verlag. Inzwischen hatten einige Fotografen die Idee von Aktfotos von Menschen mit Behinderung übernommen, aber das Buch verkaufte sich trotz Ausstellungserfolg und Bekanntheit des Autors mangels Marketingintiativen kaum …

Aber Rasso hatte bereits eine neue Idee: Er wollte in der Querschnittstation der Schlierbacher Klinik, in der er selbst Patient gewesen war, einen Frischverletzten während seines Aufenthalts und darüber hinaus dokumentarisch begleiten. Doch das war leichter gesagt als getan. Verständlicherweise war kein Patient auf der Intensivstation, dem man gerade die Diagnose Querschnittlähmung verkündet hatte, einverstanden, sich fotografieren zu lassen. Schließlich fand sich doch einer, aber es stellte sich heraus, dass ein Patient allein kein Buchkonzept füllen würde. Also wurde aus der Begleitung eines einzelnen Patienten eine packende Dokumentation des ganzen Lebens auf der ganzen Station.

Rasso hat mir damals die Erstauswahl der Fotos (das waren immer noch mehrere hundert) auf CD geschickt und mich und einige andere um unsere Meinung gebeten, welche wir für das Buch nehmen würden. Für mich eine spannende Sache, nicht zuletzt weil auch mein Mann in dieser Klinik gewesen war. Dass aus den Fotos ein Buch wurde, war dann der Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V. (FGQ) zu verdanken. Viele der Bücher wurden an Kliniken etc. verschenkt – verkauft haben sich wieder nur wenige.

Ganz aufgegeben hat Rasso das Fotografieren gottseidank nicht, aber sein Studio in einem Bauernhof im Hinterland von Heidelberg gibt es leider nicht mehr. Seine Ausstellung „Ganz unvollkommen“ kann nach wie vor gebucht werden und vielleicht ergibt sich ja doch nochmal diesbezüglich eine Zusammenarbeit mit mir …? 😉

Kontakt zu Rasso Bruckert unter: rasso@t-online.de oder über mich.

Bildquelle: NamensnennungKeine kommerzielle NutzungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Annette Schwindt

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