Regina Neumann: Über das Lesen

Lesen in der neu eröffneten Thalia-Buchhandlung in Göttingen
Lesen in der neu eröffneten Thalia-Buchhandlung in Göttingen

In meinem ersten Beitrag habe ich etwas über das Wie des Schreibens erzählt, aber auch, daß ich noch etwas anderes mit Büchern mache als welche zu schreiben. Ich lese sie selbstverständlich auch!

Dabei war das gar nicht so sicher, daß aus mir mal eine Leseratte werden würde. In meiner Generation wurde in der Schule unglaublich viel herumexperimentiert, u. a. mit der sogenanten „Ganzheitsmethode“. Damit sollte man wohl irgendwie anders lesen lernen als sonst und ich war da auch ganz toll drin, wirklich! Bis meine schlaue Oma gemerkt hat, daß ich mir die Lesebuchseiten einfach nach Gehör gemerkt hatte und auswendig herunterleierte. Erkannte ich auf der gelernten Seite das Wort „Auto“ noch halbwegs, erkannte ich es auf einer anderen Seite nicht mehr. Also brachte mir meine Oma heimlich das Lesen nach herkömmlicher Methode bei. Heimlich deshalb, weil man genau das nach Schulvorgabe nicht tun sollte.

Ich weiß nicht, ob ich nach der Ganzheitsmethode je lesen gelernt hätte, oder vor allem, ob es mir Spaß gemacht und ich mich nicht nur lustlos über die Seiten gequält hätte. Ich weiß nur eines: nachdem es „Klick“ gemacht hatte in meinem Hirn und ich kapiert hatte, wie das funktionierte mit den schwarzen Zeichen auf den Seiten, gab es kein Halten mehr! Was für eine Erfahrung, was für eine Explosion, was für unendliche Möglichkeiten! Ich habe alles gelesen, was mir in die Finger kam, angefangen bei der Fernsehzeitung und Gebrauchsanweisungen, Waschmittelverpackungen usw. Sämtliche Hanni-und-Nannis, alle Urmelbücher, Die drei ???, die Bullerbü-Kinder und Pippi Langstrumpf. Wenn ich aus unserer kleinen Stadtteil-Bücherei kam, schleppte ich meistens an die 20 Bücher mit nach Hause.

Diese Lesesucht hatte natürlich zur Folge, daß ich mit ungefähr zwölf, dreizehn Jahren mit der Kinderbuchabteilung ganz einfach durch war. Ich fand kein einziges Buch mehr, was ich nicht schon kannte und wenigstens zweimal gelesen hatte. So bekam ich die Erlaubnis, die Erwachsenenabteilung zu benutzen, in die man (damals) erst ab sechzehn durfte. So musste sich Harry Potter gefühlt haben, als er zum ersten Mal in der „verbotenen Abteilung“ rumschlich! Natürlich wurde schon aufgepasst, daß ich nicht etwa den Hite-Report mitnahm oder Oswald Kolle, aber im Großen und Ganzen hatte ich freie Hand. Und dieser Leseausweis für die Erwachsenenbibliothek hatte noch den Vorteil, daß ich die Bibliothek selbst wechseln, also auch die große Bezirksbibliothek benutzen konnte. Die hatte wirklich so einen mehrstöckigen Lesesaal, mit Tischen auf denen diese grünen Lampen standen und die Leute nur flüsterten, so, wie ich das aus dem Fernsehen kannte. Ich war im Himmel, eindeutig!

Und langsam bildete sich auch sowas wie „Literaturverständnis“. Hatte ich früher wahllos alles verschlungen, was gedruckt war, änderte sich das jetzt. Meine Oma hatte eine Vorliebe für Konsalik, den ich selbstverständlich auch las, aber nicht lange. Ich entdeckte zuerst die Lyrik, Uhland, Rilke, Hesse und Lasker-Schüler (die ich heute noch wundervoll finde!), ich las Goethe, lange bevor ich auch nur einmal was von Metrik oder Jambus gehört hatte. Habe ich das alles verstanden, was ich da las? Nicht alles und nicht beim ersten Lesen, aber dann immer besser und besser. Lesen ist für mich ein elementares Grundbedürfnis wie atmen, essen und trinken. Tatsächlich verbinde ich diese Bedürfnisse oft und lese beim Essen, wenn ich alleine bin. Irgendwie ist das ein besonderes Vergnügen, hieß es früher doch immer: „Beim Essen wird nicht gelesen!“

Sicher ist, Lesen und Schreiben gehören untrennbar zusammen. Man kann zwar Unmengen lesen, ohne je ein Wort zu schreiben, aber ich denke auch, man kann nicht gut schreiben, wenn man nicht Unmengen gelesen hat.

Bildquelle: Regina Neumann


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