Mondrian Graf v. Lüttichau: Das Internet hat, wie wohl jeder Fortschritt, zwiespältige Funktionen und Wirkungen

Mondrian Graf v. Lüttichau
Mondrian Graf v. Lüttichau

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?

Ich heiße Mondrian Graf v. Lüttichau, war früher mal Verlagsbuchhändler, bin jetzt Sozialpädagoge und habe aus meinem seit 1980 bestehenden Selbstverlag AUTONOMIE UND CHAOS vor ein paar Jahren ein online-Verlagsprojekt gemacht, in dem kostenfreie Veröffentlichungen erscheinen (ordentlich mit ISBN). Zuerst waren das eigene Arbeiten, aber durch thematische Assoziationen, durch Suchen & Finden kommen wunderbare Impulse auf AUTONOMIE UND CHAOS zu, – Wiederveröffentlichungen, – Ausgrabungen, – Sachen, “für die es keinen Markt gibt”.

Wie verändern die digitalen Medien bzw. das Internet Ihre Arbeit?

Das Internet hat, wie wohl jeder Fortschritt, zwiespältige Funktionen und Wirkungen. Einerseits trägt es bei zum Verlust sinnlich-konkreter zwischenmenschlicher Begegnungen, andererseits ermöglicht es neue, weltweite Kommunikationsformen, wodurch es mit Sicherheit zur Ausdifferenzierung des menschlichen Bewußtseins beitragen wird.

Wenn ich jetzt Bücher als Volltext ins World Wide Web stelle, setze ich auf die kreativen Aspekte des Internet – obwohl die Entwicklung dieses Mediums natürlich völlig offen ist.

Durch das World Wide Web ist es erstmalig möglich geworden, die Verbreitung von menschlichem Bewußtsein grundsätzlich abzukoppeln von der ideologischen Phantasmagorie eines geldlichen Warenwertes. Falls irgendwas revolutionär ist am Internet, dann dies.

Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Früher hielten seriöse Verlage ihre Publikationen am Lager, bis das letzte Exemplar verkauft war; es durfte auch 20 Jahre dauern. Heute werden die allermeisten Neuerscheinungen nach 3-5 Jahren verramscht; die Buchpreise sind daraufhin kalkuliert. Dieser Vorgabe entsprechend werden Manuskripte angenommen bzw. verlagsseitig umgeschrieben; dies gilt selbst für Fachbücher. – Kommerziell verlegte Bücher (Printmedien) haben von daher kaum mehr die Möglichkeit, lebendiges Bewußtsein dauerhaft ins soziale Leben zu integrieren! Hier liegt mittelfristig eine entscheidende Aufgabe von online-Publikationen.

Zwar sind kostenfreie Veröffentlichungen natürlich keine Lösung für den Buchmarkt, aber sowas wie AUTONOMIE UND CHAOS könnte ja vielleicht beitragen zu einem Umdenken – auch bei AutorInnen?

Wo finden wir Sie im Internet?

Bei www.autonomie-und-chaos.de und bei meinem anderen Projekt: www.trauma-beratung-leipzig.de.

Bildquelle: Mondrian Graf v. Lüttichau
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Diese vier Fragen werden regelmäßig von Leuten aus der Buchbranche beantwortet und die Interviews werden hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf jene lenken, die “was mit Büchern machen”, und die zum anderen die Veränderungen und Probleme in den verschiedenen Bereichen der Branche sichtbar werden lassen. Wenn Sie ebenfalls teilnehmen möchten, senden Sie Ihre Antworten und ein Bild von Ihnen in Ihrer Bucharbeits-Umgebung bitte an Leander Wattig. Als Inspirationsquelle könnten Ihnen die bisherigen Interviews dienen.


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