Jan Lindner: Ich bin Mitveranstalter des Leipziger “Topic Slams” und weiterer Lesebühnen

Wir mögen Menschen, die Menschen zusammenbringen. Deshalb stellen wir sie in unserer “Menschenvernetzer”-Interviewreihe regelmäßig hier im Blog vor. So entstehen Beiträge, die Aufmerksamkeit auf jene lenken, die sonst andere auf die Bühne heben, und die zeigen, wie Gemeinschaft heute in den unterschiedlichsten Kontexten erfolgreich gelebt werden kann.

Wer sind Sie und wie bringen Sie Menschen zusammen?

Ich bin u.a. Gründungsmitglied und Mitveranstalter des Leipziger „Topic Slams“ sowie der Lesebühnen „Pinzette vs. Kneifzange“ und „Kunstloses Brot“. Da ich selbst als Autor und Slammer bundesweit auf Kleinkunstbühnen stehe, komme ich viel mit tollen Poet_innen in Kontakt, die wir dann gerne auch für unsere Leipziger Bühnen buchen. Unsere Veranstaltungen leben allerdings auch von Leipziger Nachwuchsautor_innen sowie der Abbildung der verschiedenen Spielarten der Literatur: Bei der Lesebühne „Pinzette vs. Kneifzange“ zum Beispiel laden wir uns immer drei gestandene Autor_innen ein und nach der Pause gibt es dann ein offenes Mikrofon – für alle, die sich selbst einmal probieren möchten. Bei den geladenen Gästen achten wir darauf, an einem Abend möglichst Vertreter unterschiedlicher Genres im Line-up zu haben – ob Poetry Slam, Hörspiel, Drama, Roman oder klassische Lyrik. Unser Ziel ist, den interdisziplinären Austausch sowie den Austausch zwischen etablierten Künstlern und Nachwuchs zu fördern und damit auch die Vernetzung und Vermittlung von weiteren Auftrittsmöglichkeiten voranzutreiben.

Was bedeutet für Sie Community bzw. Gemeinschaft?

Gemeinschaft bedeutet für mich immer auch, aneinander zu wachsen. Es genügt nicht, sich auf Grundlage von Büchern, Podcasts oder Serien ein Bild davon zu machen, was Menschen umtreibt und wie sie ticken. Die spannenden Dinge passieren in Parks, auf der Straße oder in kauzigen Kneipen. Natürlich setze ich mich im Speziellen gern mit Schreibenden oder Kulturschaffenden verschiedener Genres auseinander. Aber ich komme auch gern aus meiner Komfortzone heraus und mit Menschen zusammen, mit denen ich auf den ersten Blick vielleicht weniger gemeinsam habe. Ich finde, mit etwas aufrichtigem Interesse kann man wirklich jedem eine spannende Geschichte entlocken – solange man bereit ist, auch von sich etwas preiszugeben. Und das lässt uns ja am Ende vielleicht alle wieder ein Stückchen näher zusammenrücken.

Welche Veranstaltung hat Sie zuletzt so richtig begeistert?

Die Solo-Show „How to Human“ des 2-fachen Gewinners der deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam Jan Philipp Zymny. Es gibt viele Künstler, die durch Witze über Minderheiten erfolgreich sind oder, zwar humorvoll, aber mit dem Zeigefinger belehrend auf Missstände hinweisen. Zymny hingegen bastelt ganz eigene, absurde Welten und fängt einfach an, seine Figuren wertfrei miteinander interagieren zu lassen – dabei ist es jedem selbst überlassen, inwieweit er/sie das Geschehen deuten und auf unsere Welt übertragen oder sich schlichtweg amüsieren möchte. Humor als völlig unaufdringliche Einladung für die Auseinandersetzung mit sich und der Welt.

Welche Sprecherinnen*, Moderatorinnen* oder Künstlerinnen* haben Sie zuletzt so richtig begeistert?

Ich höre in letzter Zeit viel Podcast: z.B. „Fest & Flauschig“, „Gästeliste Geisterbahn“, „Durch die Gegend“ oder „Das Podcast Ufo“. Dabei ist es ähnlich wie bei Zymny: Es macht einfach Spaß und man merkt über das Lachen fast gar nicht, wie man wertvolle Gedankenanstöße mit auf den Weg bekommt. Ich glaube generell, dass man mit Humor viel reißen kann, da man damit potentiell auch Menschen erreicht, die sich mit unangenehmen oder schwierigen Themen sonst vielleicht nicht so beschäftigen würden.

Welcher ist Ihr liebster Veranstaltungsraum/-ort?

Da bin ich momentan wohl etwas voreingenommen! Unsere drei Literaturshows finden allesamt im Beyerhaus, im Zentrum Leipzigs, statt. Für die kleineren Formate eignet sich die heimelige Atmosphäre im Gewölbekeller, der Poetry Slam hingegen kommt dank des geräumigen Saals, der schönen Radleuchter und des traditionellen Gemäuers zur vollen Entfaltung.

Das Team des Topic Slams: Josephine von Blueten Staub und Jan Lindner

Welche Event- oder Begegnungsformate gibt es noch zu wenig?

Also da kann ich mich, zumindest in meinem Tätigkeits- und Wohnbereich, momentan eigentlich kaum beschweren. Es gibt – nicht zuletzt sicherlich durch das Literaturinstitut und die Buchmesse – in Leipzig richtig viele große und kleine Literaturveranstaltungen. Aber auch in puncto Theater, Musik oder Kunst hat Leipzig mehr als genug zu bieten. Ich denke, wer Begegnung sucht, wird sie hier auch finden.

Wie messen Sie den Erfolg von Veranstaltungen und wie könnte das noch besser gelingen?

Vom einem erfolgreichen Abend im klassischen Sinne würde ich sprechen, wenn die Hütte voll ist und die Stimmung ganz offenbar bis zum Letzten überschwappt. Aber auch weniger gut besuchte Veranstaltungen würde ich als erfolgreich bezeichnen – solange der Funke zum Publikum überspringt und/oder der Austausch unter den anwesenden Künstler_innen Früchte trägt.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Wir sind immer interessiert an Schreibenden jeglichen Genres und Alters, die ihre Zeilen auf die Bühne bringen wollen. Dabei ist es egal, wie lange sie schon schreiben und ob sie bereits Leseerfahrung vor Publikum haben – wirklich jeder ist willkommen. Für Neulinge eignet sich vor allem unsere Lesebühne „Pinzette vs. Kneifzange“ vor einem eher kleineren Publikum. Wer sich sofort ins kalte Wasser des durch Applausabstimmung oder Jury-Tafeln bewerteten Dichterwettstreits im großen Saal werfen möchte, ist bei unserem „Topic Slam“ an der richtigen Adresse. Dort sind jeweils Texte zu monatlich wechselnden Themen wie Fuck Up Slam, Diary Slam oder Erotik Slam gefragt, deren performative Ausgestaltung eine übergeordnete Rolle spielt. [Hinweis ORBANISM: Die spannenden Topic-Slam-Themenformate haben wir unten nochmal beispielhaft aufgeführt.] Aber auch Singer-Songwriter, Pianisten, musikalische Ensembles, Schauspieler oder Comedians können sich gerne bei uns melden – ob nun für die große oder erst einmal die kleine Bühne.

Das Team der Lesebühne Pinzette vs. Kneifzange: Mariann Gaborfi und Jan Lindner

Wo finden wir Sie im Internet?

Ich selbst bin unter www.jan-lindner.de, bei Facebook oder Instagram zu finden. Gerne bearbeite ich Anfragen/Anmeldungen über Mail oder Kontaktformular. Wer sich jedoch gezielt orientieren will, wird für den Slam unter tipslam.de und für die Lesebühne unter facebook.com/pinzettekneifzange fündig. Die dritte Lesebühne, „Kunstloses Brot“, besteht übrigens aus einer festen Formation aus etablierten Poetry Slammer_innen und einem Beatboxer. Jene findet auch im Beyerhaus sowie unter facebook.com/lesebuehnekunstlosesbrot statt und lebt von der Interaktion mit dem Publikum – etwa dahingehend, dass es uns ein Thema für die jeweils nächste Ausgabe vorgibt, über das wir dann bühnentaugliche Texte schreiben.

Und zu guter Letzt: Wem sollten wir diese Fragen auch mal stellen – wer ist aus Ihrer Sicht eine großartige Menschenvernetzerin*?

Der Autor, Moderator und Journalist Volly Tanner aus Leipzig. Ich habe ihn vor etwa 10 Jahren als großen Förderer und Vernetzer aufstrebender Talente im kulturellen Bereich erlebt und mir sicherlich hier und da ein Beispiel an ihm nehmen können.

 

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Pfeffi for free, Trinkspiele und Absturzgeschichten: Im Februar wird beim Topic Slam vor, hinter und auf der Bühne so viel getrunken, bis sich alle lallend und lachend in den Armen liegen. Freut euch auf Poet_innen, die sich nicht nur textlich gegenseitig unter den Tisch trinken und womöglich auch mal aus der Rolle fallen. Freut euch auf diesen literarischen Cocktail mit Schuss. Prost, Cheers und Nastrowje!

Zur Buchmesse werden die Karten neu gemischt: Beim Roulette Slam tauschen die Poet_innen in einer Runde per Zufall ihre Texte und drücken den Erzeugnissen fremder Gehirnwindungen ihren ganz eigenen Stempel auf. Wie klingt das wohl, wenn der etablierte Storyteller das Pointen-Feuerwerk der geschätzten Kollegin zünden muss? Wenn sonore Whiskeystimmen gefühlsbetonte Gedichte in die Publikumsreihen shouten? Wir werden sehen und hören!

Um uns Enttäuschungen zu ersparen, werfen wir die gut gemeinten Vorsätze direkt über Bord und starten ins neue Jahr mit einem Poetry Slam zum Thema Scheitern. Ganz im Stile einer FuckUp Night, bei der mutige Macher öffentlich über fatal gescheiterte Projekte referieren, lassen unsere Poet_innen ihre peinlichsten Storys über gescheiterte Beziehungen, Abschlussprüfungen oder Frühaufstehversuche vom Stapel. Ein unterhaltsamer Abend zwischen Aua, Schadenfreude und Epic Fail.

Im November hüllt sich der Topical Island Poetry Slam ins Gewand der dämmrigen Jahreszeit und raunt: „Es werde Nacht!“. Gänzlich ohne Bühnenbeleuchtung sind die Wortakrobaten dazu angehalten, ihre Texte frei aus den grauen Zellen heraus zu rezitieren und dabei auf die Vorzüge ihres gepflegten Äußeren zu verzichten. Wem wird es gelingen, mit den Mitteln der Sprache Licht ins Dunkel zu bringen? Wir werden sehen oder vielmehr: hören!

„Wenn du auf der Bühne so einen kurzen Rock trägst, brauchst Du Dich nicht wundern, dass sich keiner auf deinen Text konzentriert.“ Dumme Sprüche, fragwürdige Komplimente, mansplainende Ignoranten, die das Wort „Mädchenlyrik“ als abwertende Bezeichnung für gefühlvolle Poesie benutzen: Der Sexismus greift auch im Poetry Slam um sich. Wir machen damit Schluss! Zum Fem Slam versammelt sich die geballte Östrogen-Power auf der Bühne, um mit Ihrer Wortgewalt für die Gleichberechtigung der Geschlechter die Stimme zu erheben!

Im Juli wird’s beim Topical Island Poetry Slam heiß, heißer – am nackigsten! Unter dem Motto „Erotik“ leisten unsere Poet_innen der Jahreszeit Folge, schießen ihre Buchstaben eingehüllt in Liebeskugeln in die Zuschauerränge und verwandeln das Beyerhaus in einen wohligen Ort der Wuschigkeit!

Im April kramen unsere Poet_innen in ihren alten Tagebüchern, um längst verjährt geglaubte Jugendsünden und Peinlichkeiten ans Licht zu bringen. Wie war das noch gleich mit dem unerreichbaren Schönling aus der Nachbarklasse? Wer wurde in Geographie mit haschischroten Augen beim Spicken erwischt? Und wer hat vor den anderen auf cool gemacht, um dann zu Hause in sein Müsli zu weinen? Wir decken auf!

Im Januar zückt der Topical Island Poetry Slam den Defibrillator, um vermeintlich tote Dichterlegenden aus ihrem Winterschlaf zu rütteln! Getreu dem Motto Dead vs. Alive begeben sich von Schauspielern gemimte literarische Größen in einen Ring mit quicklebendigen Poetry Slammer_innen, um ihnen die Leviten zu lesen – und umgekehrt. Seid dabei, wenn sich Zombie und Smombie gegenseitig die Nüschel einschlagen. Ihr entscheidet mit eurem Applaus über Leben und Tod!

Im September stehen die Zeichen auf anti. Anti Texte, anti Bühne, anti Menschen, anti Beyerhaus, anti Tische, anti alles – Anti Slam. Während die Poeten gegen alles wettern, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und dabei so ziemlich jede Regel des Slams ad absurdum führen, trinkt selbst das Publikum einen großen Schluck aus dem vollen Becher Anti: Die niedrigste Punktzahl katapultiert unsere Poeten ins Finale und der grillenzirpendste Applaus kürt den glücklichen Verlierer des Abends. Das wird ein Spaß.

Im Mai verübt der TIP Slam nicht nur ein Attentat auf unsere Sehnerven, sondern auch auf die Regelkunde des Poetry Slams: Zum Thema „Bad Taste“ dürfen sich die Poeten nach Gutdünken bei Garderobe und Requisite bedienen! Ob nun Glitzerleggins im Leoparden-Print, zerknuddelte Backstreet Boys Fan-Shirts, turmhohe Plateauschuhe oder einfarbige Bodies – hier ist nicht nur textlich der sprichwörtliche Griff ins Klo willkommen. Also trainiert schon mal eure Lachmuskeln für den einen oder anderen Haha-Effekt.

Seid dabei, wenn die Männer zum Reboot im Beyerhaus den Frauen verbal an den Haaren ziehen und die Frauen den Männern beim intellektuellen Armdrücken ihre Grenzen aufweisen – und umgekehrt! Ein Slam mit Bubis, Boobies und feministischer Unbedenklichkeit.

Im März wird es gruselig! Und zwar auf vielen Ebenen. Denn geht es nicht lediglich um unter Autorädern polternde Leichen im dunklen Wald. Auch schwitzende Uni-Professoren oder unbehagliche Abendessen mit den Schwiegereltern inspirieren unsere Slammer zu ihren schaurigsten Geschichten. Ein Slam mit zu Berge stehenden Haaren, Kreischeinheiten und Gänsehaut.

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Fotos: (c) Paul Köllner

* Männer sind mitgemeint

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