Stefanie Hirsbrunner und Karla Kutzner: Bei uns werden alle Projekte von afrikanischer Seite her gestaltet

Wir mögen Menschen, die Menschen zusammenbringen. Deshalb stellen wir sie in unserer “Menschenvernetzer”-Interviewreihe regelmäßig hier im Blog vor. So entstehen Beiträge, die Aufmerksamkeit auf jene lenken, die sonst andere auf die Bühne heben, und die zeigen, wie Gemeinschaft heute in den unterschiedlichsten Kontexten erfolgreich gelebt werden kann.

Wer sind Sie und wie bringen Sie Menschen zusammen?

Stefanie Hirsbrunner und Karla Kutzner, InterKontinental

Wir sind die Betreiberinnen von InterKontinental, einer Agentur für Literatur spezialisiert auf Autor*innen aus Afrika. Kennengelernt haben wir uns schon vor mehr als zehn Jahren und blicken deshalb auf eine ganze Reihe gemeinsamer Projekte und Events zurück. Wir veranstalten jährlich das African Book Festival in Berlin und betreiben in der Sonntagstraße am Ostkreuz eine Buchhandlung, in der wir sowohl die Klassiker als auch neuere Literatur afrikanischer Schriftsteller*innen vertreiben.

Was bedeutet für Sie Community bzw. Gemeinschaft?

Sich zugehörig zu fühlen und Menschen zusammenzubringen, die es schätzen, in einer vielfältigen Gesellschaft zu leben, bedeutet für uns Community. Das wird in unserem Fall über die Liebe zur Literatur erreicht. Neu an unserer Agenturarbeit ist der gleichberechtigte Ansatz in der Zusammenarbeit. Bei uns werden alle Projekte von afrikanischer Seite her gestaltet und dann von InterKontinental umgesetzt. So schaffen wir Raum für neue Perspektiven und Debatten. Das klingt zunächst vielleicht einfach und auch logisch, ist tatsächlich aber ein bisschen revolutionär und unterscheidet uns von anderen Organisationen.

Welche Veranstaltung hat Sie zuletzt so richtig begeistert?

Im letzten April haben wir zum ersten Mal ein 3-tägiges Festival für Literatur aus Afrika in Berlin veranstaltet, das in seiner tatsächlichen Dimension alle unsere Erwartung übertraf. Knapp 40 Autor*innen reisten aus der ganzen Welt an, um ihre Bücher, Poesie, Theater, Musik sowie das Thema “Writing in Migration” vor mehr als 1.000 Gästen im Publikum zu präsentieren. Die deutsch-nigerianische Autorin Olumide Popoola hat ein Wahnsinnsprogramm auf die Beine gestellt, das es im deutschen Raum so bisher nicht gegeben hat.

Welche Sprecherinnen*, Moderatorinnen* oder Künstlerinnen* haben Sie zuletzt so richtig begeistert?

Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe. Sie ist eine der talentiertesten kulturschaffenden Frauen Afrikas und als Filmemacherin, Dramaturgin und Schriftstellerin international bekannt und mehrfach ausgezeichnet worden. Die Autorin hat mit ihrem 1988 veröffentlichten Klassiker “Nervous Conditions” mit gerade einmal 25 Jahren einen Bildungsroman veröffentlicht, der bis heute immer wieder neu aufgelegt sowie in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Das Buch war das erste in englischer Sprache erschienene Buch einer Schwarzen Frau aus Simbabwe und gewann 1989 den Commonwealth Writers Prize. Laut BBC ist “Nervous Conditions” eine der 100 Geschichten, die die Welt veränderten. Gerade ist ihr neuester Roman “This Mournable Body” erschienen und wir freuen uns ganz besonders Tsitsi Dangarembga als neue Kuratorin des African Book Festival 2019 gewonnen zu haben.

Welcher ist Ihr liebster Veranstaltungsraum/-ort?

Seit 2017 veranstalten wir vier Mal pro Jahr die Konversationsreihe Elnathan’s #BOAT. Es liegt nahe, dass wir dieses Format sobald wie möglich endlich einmal auf einem richtigen Boot stattfinden lassen und dafür sind ja Berlins Gewässer quasi geschaffen. Somit ist im Moment die Spree unser begehrenswertester Veranstaltungsort.

Welche Event- oder Begegnungsformate gibt es noch zu wenig?

Es gibt zu wenig Events an welchen afrikanische oder Schwarze deutsche Künstler*innen beteiligt sind. Auch wäre es schön, wenn mehr Schwarze Moderator*innen diese Künstler*innen interviewten. Wenn immer wieder überwiegend weiße männliche Experten bemüht werden, um verallgemeinernd über ganz Afrika zu sprechen, ist das auf Dauer etwas einseitig und wenig inspirierend. Mehr Differenz im deutschen Mainstream, auch im Literaturbereich, wäre aus unserer Sicht sehr wünschenswert.

Wie messen Sie den Erfolg von Veranstaltungen und wie könnte das noch besser gelingen?

Eine Veranstaltung ist für uns erfolgreich, wenn sie nicht nur am Tag des Events selbst auf großen Anklang stößt, sondern darüber hinaus den Menschen im Gedächtnis bleibt. Wenn eine Veranstaltung immer wieder als Referenz und Maßstab herangezogen wird, ist das toll. In unserem Fall könnte das aber sogar noch besser gelingen, wenn alle unsere Veranstaltungen auch von professionellen Dolmetscher*innen übersetzt werden würden. Daran arbeiten wir derzeit.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Wir würden uns über ein größeres Interesse der deutschen Verlage an der aktuellen Literatur aus Afrika freuen. Ein Beispiel: Von den über 80 präsentierten Büchern der Gäste beim letzten African Book Festival waren gerade einmal 13 auf deutsch übersetzt. Viele Klassiker sind im deutschen Raum momentan vergriffen. Die von uns vertretenen Autor*innen bieten oftmals in ihrem Schreiben einen wertvollen neuen Blick auf Deutschland und das macht es für uns so faszinierend mit ihnen zu arbeiten.

Stefanie Hirsbrunner und Karla Kutzner, InterKontinental

Wo finden wir Sie im Internet?

Wir sind auf unserer Homepage interkontinental.org sowie auf Twitter, Instagram und Facebook zu finden.  

Und zu guter Letzt: Wem sollten wir diese Fragen auch mal stellen – wer ist aus Ihrer Sicht eine großartige Menschenvernetzerin*?

Stephen Kovats, dem Gründer der agency for open culture and critical transformation gGmbH.

Fotos: Stefanie Hirsbrunner und Karla Kutzner

* Männer sind mitgemeint

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