Digitale weiße Blusen: Das Powerfrau-Cosplay in der Tradition Jil Sanders

Kostüm

Ausgerechnet das Kleidungsstück, in dem nur sich als Frauen identifizierende Menschen Business machen – den Hosenanzug teilen sie ja, wenn auch meist anders geschnitten, mit anderen –, klingt nach Verkleidung, Aufführung, Schein, Täuschung, Effekt und Theatralik.

Anzug hingegen klingt schlicht beschreibend, zurückgenommen, sachlich, also tradierten Klischees nach »männlich«. Tut man also schon aus sprachlichen Gründen gut daran, egal in welchem Körper im Hosenanzug zum Geschäftstermin zu gehen? Damit einem das Kostüm bloß keinen subliminalen Strick durch die Rechnung macht … nicht, dass man am Ende noch dasteht wie der Wolf im Schafspelz aka die als ernstzunehmende Person verkleidete Hysterikerin.

Ist nun Yves Saint Laurent mit seinem Hosenanzug der feministische Chefdesigner gewesen? Oder doch Coco Chanel, weil in ihre Kostüme nach zeitgenössischen Maßstäben ein gesellschaftliches What the fuck eingewebt war? Oder ist es erst Jil Sander gelungen, durch das Mitverkaufen ihres Jil-Sander-Stils und ihres Jil-Sander-Images, das Kostüm vom Generalverdacht des sich aufführenden Weiblichen zu befreien? – Ich glaube, Letzteres trifft zu und werde im Folgenden erklären, warum.

Businessmode

Was meint überhaupt Businessmode bzw. -kleidung? Kleidungsstücke, die man laut gesellschaftlicher Konvention trägt, wenn man Geschäfte macht? Dann würde auch die Kittelschürze der Marktverkäuferin dazugehören, die Servieruniform der Bedienung im Traditionscafé und der Arztkittel – diese Menschen behandeln einen ja auch eher selten gratis.

Oder fallen darunter Kleidungsstücke, die man faktisch gerade trägt, wenn man einen Handel erwägt oder abschließt? Dann wäre auch meine Jogginghose Businessmode, weil ich sie getragen habe, als ich mir gestern im Internet Saatgut bestellt und bezahlt habe.

Unser Sprachgebrauch bezeichnet mit Businesskleidung aber eher Mode, die so aussieht, als würde sie bei formellen Geschäftsverhandlungen als passend durchgehen und die in solchen Situationen auch meist unverabredet getragen wird. Es gibt Konventionen, dass man sich auf eine bestimmte Weise anzieht, wenn man offiziell Geschäfte macht. Es existiert auch eine allgemein bekannte Rolle der Business-Person, für die man sich entsprechend anzuziehen hat. Demnach wäre nicht nur das »Damenkostüm«, sondern auch der genderneutralere Anzug eine Art Verkleidung, ein Kostüm, das man anzieht, um beim Gegenüber in der Rolle plausibel zu wirken. Hier kommen wir zum Cosplay.

Cosplay

Cosplay ist ein aus Japan stammender Verkleidungstrend, der seit den 1990er-Jahren als Begleiterscheinung des Manga- und Animebooms auch im Westen eine große Anhängerschaft gefunden hat. Dabei stellt ein Mensch eine Figur aus Manga, Anime, Comic, Film oder Computerspiel durch Kostüm und Habitus möglichst überzeugend dar.

Der Begriff Cosplay ist ein Schachtelwort aus den englischen Begriffen costume und play und bedeutet frei übersetzt »Kostümspiel«; geprägt wurde er von dem japanischen Verleger Nobuyuki Takahashi im Juni 1983 in einem Artikel für die Zeitschrift My Anime. Der Unterschied zum Kostüm liegt, kurz gesagt, darin, dass man nicht als irgendeine Prinzessin oder irgendein Drachen geht, sondern einen ganz bestimmten Character verkörpert. Geht ein kleines Mädchen zu Fasching als eine bestimmte Disney-Prinzessin, ist sie eigentlich fast schon Cosplayerin, auch wenn sie es nicht so nennen würde, denn sie wird bewusst oder unbewusst Gesichtsausdrücke dieser Prinzessin imitieren oder Posen von dieser einnehmen, wie sie sie aus dem zugehörigen Film oder der Serie kennt. Wobei das Wissen, das Bewusstsein, nicht in einem beliebigen Kostüm zu stecken, sondern in die Haut eines geliebten Characters geschlüpft zu sein, in dessen Fußstapfen zu treten, wichtiger Teil des Cosplays ist. Man stylt sich als Daenerys Targaryen aus Game of Thrones oder als Pikachu aus Pokémon, um auf andere wie Daenerys oder Pikachu zu wirken und dieses Gefühl in Resonanzschleifen auch in sich selbst zu erzeugen. Beim Cosplay kommt man Characters, die man liebt, also ohnehin schon als Teil der gefühlten Identität mit sich herumträgt noch näher, indem man diese Verbundenheit nach außen stülpt und in der sinnlichen Wahrnehmung verfügbar macht. Stammt der Character aus einer narrativen Struktur wie einem Film, einer Fernsehserie oder einem Computerspiel, rückt das Cosplay, weil dann ganze Szenen nachgespielt werden, in die Nähe einer Theateraufführung, meist aber stellt es sich als neue Version des tablau vivant, des lebenden Bildes, dar, wo man allein oder mit anderen in der physischen Realität eine Art Gemälde oder Fotografie erzeugt. So wie schon die Meisterin des Genres, Lady Emma Hamilton, Ende des 18. und Anfang des 19. beim Nachstellen antiker Statuen, muss man auch beim Cosplay die Kunst des Stillhaltens perfektionieren. Man kann dies jedes Jahr auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig beobachten. Immer wieder halten Cosplayer allein oder in Konstellationen von Characters inne, um für Fotografierende zu posieren. Sie bilden lebende Bilder, die dann als Fotografien im Netz zu zirkulieren beginnen und in den Gehirnen der Mitwirkenden lebendige Eindrücke ihrer selbst als der Character bzw. des Characters als Teil ihres Selbstbildes hinterlassen.

Von dem französischen Schriftsteller Balzac wird berichtet, dass er im 19. Jahrhundert auf die neue Kunstform und Technologie Fotografie mit einer animistischen Furcht reagierte, er stellte sich vor, beim Aufgenommenwerden scheibchenweise die Seele abgelöst zu bekommen. Bei Cosplayern ist es umgekehrt. Ihnen wird mit jedem lebenden Bild, das sie einnehmen und mit jedem Foto davon, das sie zu sehen bekommen, eine weitere Lage ihres mit dem Character überblendeten Selbstbildes hinzugefügt. Cosplay ist eine performative Kunst, es geht um die Erzeugung von emotionsbegleiteten Vorstellungen. It’s about the image.

Ich benutze den Begriff Cosplay grundsätzlich weiter gefasst, nicht nur für Phänomene seit den 1980ern, sondern auch rückwirkend für lebende Bilder, Kostüm- und Rollenspiele, solange belegbar ist, dass diese nicht nur der Unterhaltung von anderen, sondern auch der prothetischen Erweiterung des eigenen Selbstbildes dienten, wie etwa bei Ludwig II. von Bayern, der im 19. Jahrhundert zuhause in seinen bayerischen Schlössern mittelalterlicher Schwanenritter spielte oder auch im Falle der multiplen Re-Enactments der Marquesa Casati, die in die vestimentäre und habituelle Haut mythischer und literarischer Figuren schlüpfte, um sich diese als plausible Lagen ihres hybriden femme-fatale-Images anzueignen.

Ausgangslage bei diesen frühen Cosplays ist immer eine gesellschaftlich repressive Situation. Man muss wie Ludwig realer König sein, obwohl man lieber Opern hören möchte oder wie die Marquesa Casati standesgemäß heiraten, statt sexuell frei leben zu dürfen. Sind es aber im 19. Jahrhundert noch ausgesprochen reiche Cosplayer, die mental mittels opulenter lebender Bilder an ihrem befreienden big picture von sich selbst arbeiten, ist es heute eine Vielen zugängliche Kulturtechnik, ähnlich wie ja auch Märchenschlösser heute gegen Eintritt bzw. virtuell als Computerspiel sehr vielen Menschen offenstehen. (Niemals allen, denn nicht alle haben Geld für Vergnügen übrig.)

Business-Woman

Kostüme sind beim Cosplay Werkzeuge des Imagedesigns, entsprechend sind Businesskostüme Werkzeuge beim Design des Images einer Business Woman. Es gibt nicht die Geschäftsfrau, die Business Woman, sie ist nur ein Bild, auf das sich Menschen gesellschaftlich verständigt haben – ein nicht für alle Zeiten festgeschriebenes Bild. Business Woman ist kein Ausbildungsberuf, sondern ein Image.

Jetzt kurz die Augen schließen und sich eine Business Woman vorstellen. Vermutlich erscheint vor dem geistigen Auge keine konkrete, namentlich identifizierbare Person, sondern eine Art mentales Stockfoto. Weiße cis-Frau in Kostüm oder Hosenanzug und weißer Bluse. Eine Vorstellung, die 2019 das Zeug dazu hat, leichten Ekel auszulösen, was daran liegt, dass die Codes jetzt nicht mehr die Gleichen sind wie zur Zeit, als Jil Sander Ende der 1960er-Jahre ihre Arbeit begonnen hat. Heute tragen Unternehmerinnen manchmal keine weißen Blusen, sondern tätowierte Unterarme. Oder beides. Interessanterweise ist unser mentales Gattungsbild der Businessfrau also reaktionärer als die Realität.

Folgen wir unserer Stockfotofrau mal in die Vergangenheit. Bis 1977 musste eine Frau in Deutschland ihren Mann fragen, ob sie arbeiten durfte. In diesem Kontext wird leicht vorstellbar, dass man sich damals erst einmal selbst plausibel machen musste, eine Business Woman zu sein, um es dann dem Mann zu verkaufen. Kleider machen Leute: Zieh ein Businesskostüm an und mach den ersten Deal mit deinem Ehemann. »Schatz, hättest du was dagegen, wenn ich einen kleinen Laden aufmache?« – Achtung, jetzt gilt es für uns, in den Blick zu bekommen und dort zu behalten, dass wir im Kontext von Businesskostümen fast immer über privilegierte weiße Frauen sprechen. Im Kontext von wirklich kostspieligen Jil-Sander-Businesskostümen sogar ganz sicher: Es geht um Frauen, die arbeiten wollen, aber es wirtschaftlich nicht müssten. Um Frauen, die Ende der 1960er- und auch noch Ende der 2010er-Jahre nachweislich unterprivilegiert sind im Verhältnis zu einigen Männern, aber trotzdem, bitte nicht vergessen, privilegierter sind als ein paar Milliarden anderer Menschen.

Jil-Sander-Business-Woman

Es geht hier also zunächst um das Problem wohlhabender weißer cis-Frauen, als Geschäftsleute ästhetisch, gesellschaftlich, symbolisch und mental nicht so plausibel zu sein wie weiße cis-Männer. Vor 50 Jahren ganz erheblich auch für sich selbst nicht und entsprechend noch weniger für andere.

Jil Sander löst dieses Problem damals im Alleingang, weil sie sich zum einen in diesem System gut auskennt, sie ist eine privilegierte weiße cis-Frau, zum anderen, weil sie einen ungewöhnlichen Drive hat: Strukturen, die ihr fehlen, schafft sie einfach selbst. Anders als ihren Kundinnen fehlt es ihr nicht an einer Vision von sich als Unternehmerin, sondern nur an passender Arbeitskleidung. Jil Sander muss nicht mal einen Ehemann um Erlaubnis fragen, denn sie geht auch hier andere Wege. Sie ist nicht die Frau von irgendwem, sie ist Jil Sander, und sie trägt Jil Sander nicht wie eine zweite, sondern als erste Haut. Alle anderen privilegierten weißen cis-Frauen aber cosplayen fortan Jil Sander, und es funktioniert sehr gut.

Die Modekritik hat in unzähligen Artikeln immer wieder das gleiche Urteil gefällt: Jil Sander, das ist die perfekteste Perfektion, der minimalste Minimalismus, der purste Purismus. Deshalb war und ist Jil Sander ihr bestes Model, deshalb cosplayt man als Kundin Jil Sander und trägt nicht einfach ihre Mode.

Jil Sander sagt, dass sie sich nicht als Feministin gesehen, sondern einfach nur gemacht habe, was fehlte: Mode, in der man als Frau arbeiten möchte. Vielleicht sei sie in dieser Hinsicht Feministin. – Volle Zustimmung und mit diesem performativen Feminismus, mit dem sie Frauen ermächtigte, zu arbeiten und so finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen, ist sie ein Vorbild für heute.

Feministische Tarnkleidung

Warum aber trägt eine Business Woman in den 1970ern und -80ern Jil Sander und nur Jil Sander? Die Antwort ist einfach: In einem Jil-Sander-Kostüm sieht man, gemessen an zeitgenössischen Klischees, nicht »wie eine Mutti«, nicht »wie eine Hure«, nicht »wie eine Sekretärin« und nicht »wie eine Kellnerin« aus. Das klingt lustig, ist aber existentiell. Trägst du ein Jil-Sander-Kostüm, greift man dir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zwischen die Beine und man drückt dir auch kein leeres Sektglas in die Hand, wenn du auf dem Weg zur Bühne bist, um die Keynote zu halten. Letzeres ist kein Witz, sondern bis heute die Realität von vielen nicht Businessfrau cosplayenden Geschäftsfrauen.

Für »Sei einfach du selbst« als Kleidungsstil braucht man in professionellen Kontexten ein gutes Nervenkostüm, ah, hier ist sie, die dritte Variante von Kostüm. Ein Businesskostüm von Jil Sander aber ist mit einem Zaubermantel aus Märchen oder Fantasy zu vergleichen, der einen unsichtbar macht, nicht negativ unsichtbar, sondern zum Schutz. In einem Jil-Sander-Kostüm siehst du als cis-Frau »weiblich« genug aus, um konservative Gegenüber nicht gegen dich aufzubringen, trotzdem wird man dir in der Regel nicht auf die Titten glotzen. Während die Mugler-Kostüme der 80er performativ F-R-A-U-E-N-H-A-S-S-!-!-! schrien, erzählten Jil-Sander-Kostüme von der Liebe des sich weiblich identifizierenden Subjekts zum eigenen Körper.

Der Modepopanz-Kaiser im Märchen Des Kaisers neue Kleider steht am Ende nackt und blamiert da, während ein Jil-Sander-Kostüm die Vorstellung von Nacktheit und Körper als solche verhüllt.

Empowerment

Gute Businesskleidung ist die, in der man keine Sekunde darüber nachdenkt, ob man gut oder passend angezogen ist, ob man attraktiv oder unvorteilhaft aussieht, in der nichts zwickt, drückt oder verrutscht, in der man bequem sitzen und stehen, ja, auch eine Treppe hochgehen kann.

Ein Jil-Sander-Kostüm erlaubt es, die Kleiderfrage bei der Arbeit komplett auszublenden. Es ist keine originelle Wahl, sondern die sichere Bank. Jede Frau hat ein Recht dazu, sich dafür zu entscheiden. Sie muss es sich nur finanziell leisten können.

Klasse-Frauen

In Artikeln über Jil Sander steht immer mal wieder, dass sie für Frauen mit Klasse arbeitet. Hier ist es wieder wichtig, zu ergänzen, dass diese Art Klasse-Frauen aus der herrschenden Klasse kommt. Ja, so etwas wie Klasse gibt es auch heute noch, nur nicht mehr ganz so konturiert.

Und jetzt wird es richtig interessant, plot twist: Es gibt die weißen Jil-Sander-Weiße-Blusen-Feministinnen auch im Digitalen. Sie tragen nicht immer weiße Blusen, aber sie selbst sind fast immer weiß, fit und haben Power. Haben sie ihr Geld nicht schon geerbt im Rücken, verdienen sie es sehr erfolgreich selbst. Sie müssen keine Männer mehr fragen, ob sie arbeiten dürfen, aber sie leben sehr oft in heteronormativen Beziehungen, wovon schöne Bilder auf Instagram zeugen. Sie sind nicht implizit feministisch wie Jil Sander, sondern haben Feminismus und das Empowern von Frauen selbst zum Businessmodell gemacht, wogegen absolut nichts spricht, wenn man reell darüber Auskunft gibt. Es ist auch okay, nur für Premium-Marginalisierte zu arbeiten, nicht jede*r kann die Jeanne d’Arc aller sein. Ob man eine Agentur für Content-Marketing allerdings feministischen Journalismus nennen muss, ist wohl eine Geschmacksfrage.

Der Feminismus ist ein weites Feld, und es gibt nur ganz wenige Aspekte, die nicht okay sind, aber die sind essentiell: Benutze das Leiden anderer nicht, um dich selbst interessanter, relevanter, geldwerter zu machen. Saug dir nicht die Themen stärker Marginalisierter ein. Wenn ihr im Unternehmen eine vielfältige Gesellschaft repräsentieren wollt, zeigt dies zuallererst an eurem Team. Hinterfrage immer wieder das Image, das du vom Feminismus erzeugst – schadet es unnötig anderen, die weniger Power haben als du? Reflektiere dein Privileg, reflektiere dein Privileg, reflektiere dein Privileg.

Feminismus ist ein wirksames Werkzeug, um die Welt etwas besser zu machen. Er darf einfach nicht zum Lippenbekenntnis werden und nicht zum Marketingbegriff verkommen.

Eine weiße Bluse ist eine weiße Bluse ist eine weiße Bluse, auch im Digitalen. Man muss sich nicht idealistischer stilisieren, als man ist. Aber man schuldet es den Frauen und anderen Marginalisierten, für die man öffentlich eintritt, dass man seine Arbeit reell tut. Das ist auch deshalb so wichtig, weil einen andere cosplayen werden. Feministinnen mit Reichweite im Netz sind Vorbilder – keine Kostüme, sondern Characters. Dieser Verantwortung muss man gerecht werden.

 

Schönen Frauentag euch allen.

 

XOXO,
FrauFrohmann

 

PS: Ich bin auch weiß, halbwegs privilegiert, poste schöne Bilder auf Instagram und trage ganz gern weiße Blusen – ich kenne mich aus in dem System.

 

Dieser Text wurde so oder so ähnlich 2018 als Vortrag im Rahmen der Ausstellung »Präsenz. Jil Sander« im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt gehalten.

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