Troll-Wissen

Wer auf Twitter eine halbwegs oder wirklich große Reichweite hat und einen Tweet von einer Person mit bissigem Drüberkommentar retweetet bzw. einen Screenshott von dem Tweet postet, tut dies im Wissen, dass diese Person danach mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit getrollt wird.

Es ist ein Machtspiel mit unabsehbaren Folgen für die vorgeführte Person und ein absolut unmoralisches Verhalten. Egal, wie sehr einen die Aussage des anderen Accounts genervt hat, wie unzutreffend man dessen Urteil über einen findet, wie beleidigt man sich gerade fühlt – ES IST NICHT AKZEPTABEL, PERFORMATIV DIE TROLLE LOSZUSCHICKEN. Wer das tut, trägt die Schuld daran, wenn in den nächsten Stunden, Tagen, Wochen ein Individuum, ein lebender Mensch, übelst beleidigt und oft genug mit Vergewaltigung und Tod bedroht wird. Dass es so läuft, ist nicht die Ausnahme, sondern die allgemein bekannte Regel.

Es geht im Netz längst auch ganz stark um persönliche Verantwortung. Als Inhaber*in eines Accounts mit Reichweite muss man seine Impulse und Affekte unbedingt (wieder) kontrollieren lernen. Aber auch als vermeintlich unbeteiligte*r Beobachtende*r sollte man sich sofort einmischen, wenn man einen Trollangriff anheben sieht. Durch Melden missbräuchlicher Tweets und Entfolgungen bzw. Blocken der Attackierenden kann man den Getrollten solidarisch beistehen. – Entfolgen und Blocken zeigt einerseits, dass man solche Troll-Aktionen zutiefst missbilligt und schmälert andererseits auch die faktische Wirkungskraft besagter Accounts.

Warum man sich einmischen sollte? Es ist nicht »nur das Internet«. Das Internet ist ein wesentlicher Teil der Gesellschaft.

Außerdem: Hast du der Person nicht zugehört, als sie von ihren sich häufenden Problemen mit Trollattacken berichtete? Sollte sie deiner Meinung nach halt einfach nicht die Klappe so weit aufreißen? Geht sie dir eh auf den Sack und du findest es irgendwie auch ein bisschen witzig? Fallen Trollangriffe für dich unter Meinungsfreiheit?

Sorry, aber coole, vernünftige, sachliche, professionelle – wie auch immer man das nennen mag – Zurückhaltung hört auf, wenn jemand sagt »Ich werde angegriffen, bitte helft mir.«

Wenn man den hinlänglich bekannten Auslösenden von Trollattacken weiterhin folgt und sich bei konkreten Fällen raushält, wirkt man m. E. zumindest fahrlässig mit an der zunehmenden Gewaltausübung in Sozialen Medien.

Es ist nachvollziehbar, dass man sich das mit dem Trollen nicht vorstellen kann, solange man es noch nicht selbst erlebt hat. Aber wenn man plötzlich auch Personen nicht mehr zuhört, glaubt, vertraut, denen man sonst zuhört, glaubt, vertraut? Dann wirken wohl andere Kräfte auf einen ein und dies muss man eigenverantwortlich beobachten und ändern, wenn man wirklich aufgeklärt handeln will.

Vermeidet beim Reden über Trolle und deren Attacken bitte unbedingt Opfer-Täter-Umkehr. Ihr erkennt Trolle ganz einfach, und ihr wisst es. Macht einfach die Augen auf. Gebt getrollten Menschen keine ungefragten Ratschläge, wie sie sich zu verhalten haben, sie sind nicht diejenigen, die etwas falsch machen. »Don’t feed the troll« ist als pauschale Social-Media-Empfehlung 2019 außerdem ungefähr so sinnvoll und hilfreich wie »Sollen sie doch Porsche fahren«. Macht lieber Trollen das Leben im Netz schwer, entfolgt, blockt, meldet sie.

Klarnamenspflicht würde das Problem nicht lösen, sie geht wie so oft davon aus, dass alle Menschen, weil es schließlich im Grundgesetz steht, frei und gleich sind. Mit Klarnamen würden Trolle aber immer noch anwaltsberaten am Rand des Legalen hetzen und gleichzeitig Menschen in heiklen Lebenssituationen sich nicht mehr im Internet aussprechen können. Die Impressumspflicht ist für Leute, auf die Trolle und Stalker stehen schon scheiße genug. Schöne Grüße von meinen Freund*innen, bei denen immer wieder Menschen bedrohlich vor der Haustüre rumlungern.

Steht getrollten Menschen bei. Ächtet Trollen im Netz. Achtet auf andere Menschen, achtet auf euch. Lasst euch nicht mehr erzählen, niemand könne etwas dafür, was seine Follower*innen machen. Dies ist im beschriebenen Fall einfach nicht wahr.


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