Marsmission Facebook

Science-fiction beschäftigt sich sehr häufig mit der Frage, was geschehen würde, wenn man außerirdische Lebensformen entdeckte – oder diese einen – und welche Fragestellungen und Herausforderungen sich daraus für die Menschheit und das eigene Menschsein ergeben könnten. Oft wird in diesen Geschichten zuerst eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und anderen Expert*innen losgeschickt; wenn der Weg sehr weit ist, muss zusätzlich eine Truppe reproduktionsfähiger Menschen mitreisen, um den Fortbestand der Art zu sichern.

2015 konnte man sich bei der Nasa für eine Marsreise bewerben, die vermutlich irgendwann zwischen 2020 und 2030 stattfinden wird. Ebenfalls 2015 gab es einen Medienhype um eine niederländische Stiftung und Aktiengesellschaft, die unter dem Projektnamen Mars One Teilnehmende für eine als Reality-TV-Show geplante Mars-Kolonisation castete. Endemol war selbstredend auch irgendwie beteiligt. Die für Mars One Auserwählten wären – diese Vorstellung hat mir damals Schwindel bereitet – nicht mehr vom Mars zurückgekehrt. Glücklicherweise ist niemand losgeflogen, denn die Gesellschaft hat mittlerweile Konkurs angemeldet. (Macht es euch auch so fertig, dass Realität aktuell dauernd wie QUIZ von Günter Hack klingt?)

2004 wurde Facebook gegründet. 2009 habe ich mich auf Facebook angemeldet. Wie bis heute über zwei Milliarden Menschen hatte ich lange keine Ahnung, dass ich an der Kolonisation eines anderen Planeten teilnehmen und Aliens begegnen würde, was daran liegt, dass der andere Planet der Erde glich und die Aliens den Menschen so ähnlich sahen. Ich habe mal einen Tweet geschrieben: »Ich wollte nie ins All.« Vermutlich hatte ich da schon so ein ungutes Gefühl, dass es längst passiert ist.

War das etwa nicht meine Freundin A. gewesen, die in ihren Facebook-Anfängen überaus down to earth postete: »Kartoffeln aufgesetzt«? (Heute macht sie Social Media für ein großes Unternehmen.) Und war das nicht Freundin N. gewesen, die mir unter ambitionierte Literatur-Posts schrieb: »Liebe Christiane, wie geht es dir. Sollen wir uns Samstag mal zum Kaffee treffen? Herzlich, N.« (Heute schreibt sie ganz konventionell Direktnachrichten.)

Menschen, die ich aus dem Real Life kannte, erschienen mir damals auf Facebook leicht verzerrt. Woran lag das? Mittlerweile weiß ich es: Sie waren gerade erst aus dem Raumschiff gestiegen und machten erste vorsichtige, noch leicht unbeholfene Schritte durch unbekanntes Terrain, testeten, ob man die Luft atmen konnte und ob nicht etwa um die Ecke ein Giger-Alien lauerte. Nach und nach kamen immer mehr Expeditionsteams an, Expert*innen waren nie darunter, denn wie soll man Expertise haben für etwas, das ein anderer Planet ist, von dem man noch nicht mal weiß, dass man ihn gerade kolonisiert.

Hilfe, meine Freundin ist ein Alien!, dachte ich bald nicht mehr, denn nach und nach kamen alle in den Flow, den es ja auch auf Facebook einst durchaus gab. Die heimliche Kolonisierung funktionierte und wir passten uns erfolgreich den digital-virtuellen Lebensbedingungen an. Jetzt wirkten wir zwar nicht mehr aufeinander wie außerirdische Doppelgänger unserer RL-Selbsts, aber wurden wirklich welche. Ein paar Jahre lang kümmerten sich viele von uns besser um ihren digital-virtuellen Avatar als physisch real um sich. Weil im Netz einfach mehr los (neuer Planet > alter Planet) und weil der Avatar wirklich, das heißt, gefühlt und im Habitus zum Selbst dazuzugehören begann. Ein bisschen Dorian Gray, ein bisschen Body Snatchers, ein bisschen Sims und sehr viel technologiegestützter kultureller Wandel.

Vielleicht müssen wir Facebook ein bisschen dankbar dafür sein, dass es so ein skrupelloses kapitalistisches Arschloch ist, das sich gar nicht wirklich für uns interessiert, sondern nur für unseren Content, unseren Traffic und unsere Daten, weil wir ohne diesen Downer sonst nicht mehr zu Lebzeiten zurückgeflogen wären.

Die Erde, auf die wir zurückgekehrt sind, ist ein anderer Planet als der, auf dem die Menschen wohnen, die es immer schon gewusst haben, dass »dieses Facebook« nichts taugt. Sie sind nicht mit uns auf dem Mars gewesen, haben sich nicht mit uns alienisiert und sind nicht mit uns zurück aus der Zukunft gekommen.

Aber jetzt sind wir wieder da und müssen wirklich den Planeten retten. Alle bereit für umfassende Entkolonisierung? Alle bereit für ein Umsehenlernen, bei dem Aliens gar nicht mehr das Ding sind?

Ach, ja, erweiterte Menschenrechte brauchen wir auch noch, das Recht auf digital-virtuelle Unversehrtheit muss her.

Happy Birthday, Facebook. Du magst Nazis, aber keine weiblichen Nippel, mehr braucht man nicht zu wissen. Mögest du, wenn du so bleibst wie du bist, pleite gehen wie Mars One. Und bitte die Trolle und Ewigcoolen mit in den Abgrund reißen.

XOXO,
FrauFrohmann

 

 

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