Umsehen lernen mit Frau Frohmann, Vol. 2

Vor gut zwei Jahren sah ich auf Twitter im Augenwinkel einen Aufruf zu einer Antifa-Demo vor einem Berliner Gymnasium, an dem ein führendes AfD-Mitglied Geschichte unterrichte. Meine Reaktion war ein doppeltes wtf, weil ich der AfD vom ersten Tag an nicht abgenommen habe, demokratische Ziele zu verfolgen, aber noch akuter, weil es die Schule eines meiner Kinder war, wo ausgerechnet zum Zeitpunkt der angekündigten Demo Austauschschüler*innen aus Israel begrüßt werden sollten. Ich stellte mir vor, wie diese mit spärlichen Deutschkenntnissen einer Gruppe irgendwas mit »Nazis« skandierender Schwarzhoodieträger*innen gegenüberstehen würden und was das mit ihnen machen könnte. Aufgeregt schrieb ich eine Mail an die Schulleitung und informierte über die Demo, sicherlich nicht, um den sauberen Herrn mit rechtem Parteibuch zu schützen, sondern um die minderjährigen israelischen Jugendlichen vor einem potenziell traumatisierenden Erlebnis zu bewahren.

Der Schulleiter rief mich an, er war nicht begeistert, nicht nur über die Demo, sondern auch über die Fragen, die sie bei mir aufwarf und die ich jetzt stellte. Er versicherte mir, dass er den Kollegen und dessen Unterricht aufmerksam beobachte, bislang habe er keinen Anlass gehabt, etwas zu unternehmen. Ich vertraue diesem Schulleiter sehr, er ist unglaublich professionell und die Schule so funktionierend pluralistisch, wie man sich das für die Gesellschaft wünscht. Wenn Schüler*innen respektlos oder diskriminierend agieren, werden sie sehr deutlich zurechtgewiesen, auch bestraft, aber dann immer wieder in die Gemeinschaft aufgenommen, bestimmte Namen und Looks verschaffen einem da keinen Vor- oder Nachteil.

Was komisch war, ich fühlte mich danach irgendwie als linksradikal eingeordnet, als eine, die von Antifa-Demos weiß, eine, der jetzt sicherheitshalber auf Twitter mal eine Weile Lehrer*innen von der Schule folgen. Man kennt diese Zuweisungen von Leuten, die sich nicht gut im Netz auskennen. Wenn ich persönlich alles wäre, was ich aus dem Netz weiß, dann gute Nacht. Mein Selbstbild ist aber nach wie vor das einer gemäßigt linken Demokratin, die sich um die Grundrechte von einzelnen Menschen und marginalisierten Gruppen schert, also ganz konventionell sozial denkt – »konventionell« in den Vorstellungsgrenzen von vor 2013.

Diese leicht ungehaltene Reaktion des Schulleiters auf mich bzw. auf mein Engagement begleitet mich seither. Menschen aus meiner Umgebung spiegeln mir durch Augenrollen, hochgezogene Brauen, Stirnrunzeln, Schnaufen, abgebrochene Sätze und im Netz durch Muten, dass ich sie nerve, weil es früher lustiger, entspannter, unpolitischer mit mir war. Ich bin die unbeliebte Überbringerin der schlechten Botschaft, hey, winter is coming. Sonst fanden es Leute immer toll, wie trendsensibel ich bin, bloß jetzt beim Megatrend Faschismus nicht mehr.

Das kann ich verstehen, ich war früher deutlich lustiger, entspannter, unpolitischer, aber ich verstehe es nicht. Wir leben doch alle in dieser Gegenwart. Empathie ist kaputt, Kommunikation ist kaputt, Gesellschaft ist kaputt, Politik ist kaputt, Planet ist kaputt. Wirtschaft frisst Menschen, und die ganz Privilegierten, die Hyperentfremdeten machen allen Ernstes immer noch frivole Witze darüber.

Ich möchte, dass wir das reparieren. Jeder für sich, dann miteinander. Der erste Schritt ist, das Augenrollen nach innen zu wenden, sich selbst zu beobachten, zu analysieren, zu überlegen, wie man wieder gelungener kommunizieren, respektvoller miteinander umgehen, achtsamer konsumieren, besser leben kann. Ich möchte, dass niemand mehr die Klappe hält, wenn man mitbekommt, dass jemand diskriminiert, belästigt, übergangen, kleingemacht wird.

Dazu gehört *Spaßbremsengeräusch* auch, dass man bewusst auf verächtliche Ausdrücke und Einordnungen verzichtet, es ist gerade nicht mehr die Zeit für ironische Pranks. Mir tun inzwischen Ausdrücke weh, die ich früher begeistert benutzt habe, weil ich die Gewalt darin spüre, die Betroffene immer gespürt haben. Wenn euch jemand sagt, das tut mir weh, dann hört doch bitte zu und sagt nicht, das meine ich doch aber nicht so.

Ein »Wir sind alle gleich« ist total für den Arsch, wenn ununterbrochen Mitbürger*innen, ohne dass es eine Rolle spielte oder man es überhaupt wirklich wüsste, als »die Ausländer«, »die Arabs«, »die Russen« bezeichnet werden. Ein Restaurant in Chemnitz mit türkischer Küche ist kein »ausländisches Restaurant« – dieser Ausdruck bezeichnet korrekt ein Restaurant mit Firmensitz im Ausland –, es ist ein Restaurant in Chemnitz mit türkischer Küche. Würde darauf schon immer geachtet, wirkte ein Restaurant in Deutschland, das türkische Küche anbietet vielleicht auch weniger fremd. Es sind eh nicht alle gleich, Differenz existiert und muss ausgehalten werden, ich persönliche feiere sie eher. Das Grundgesetz meint nicht totale Assimilation von Andersheit, sondern Gleichbehandlung von unterschiedlichen Individuen in Sprache und Taten.

Okay, ich nerve euch also seit ein paar Jahren, neuerdings nicht mehr so arg, weil ihr checkt es ja auch zunehmend, dass wir an einen Wendepunkt gekommen sind, aber ich will es euch noch schnell zurückgeben, bevor es wieder zu harmonisch wird:

Mich nervt eure notorische Unzufriedenheit, euer Sichvergleichen, euer Immer-die-Schuld-bei-anderen-Suchen, euer Alles-auf-sich-selbst-Beziehen. Es geht nicht immer nur um euch. Es geht auch um andere, es geht um Strukturen, es geht jetzt um alles.

Mein Leben ist in den letzten Jahren sehr viel anstrengender geworden, und ich habe mehr gelernt, lernen müssen als in meinem ganzen Leben davor. Nichts ist einfacher geworden, aber ich würde um keinen Preis der Welt tauschen wollen.

Wer jetzt spontan den Drang verspürt, einen ironischen Kommentar zu schreiben, soll mich bitte lieber entfreunden.

Der Lehrer von der Schule meines Sohnes wurde zwischenzeitlich auf eigenen Wunsch beurlaubt, nein, nicht, wie man denken könnte, weil er bei der Arbeit so viel Widerstand ertragen musste, er hat einfach keine Zeit mehr, Wichtigeres zu tun, denn er ist jetzt Mitglied des Deutschen Bundestages.

 

XOXO,

FrauFrohmann

 

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