IN DIE REALITÄT!

 

Fortan werde ich per Rezension und Leseliste bei mojoreads genau zwei Indie-Titel pro Woche ausdrücklich zum Kauf empfehlen, von denen ich sage, sie verändern euren Blick auf Literatur und/oder Gesellschaft. So haben diese Bücher oder E-Books eine realistische Chance, im Idealfall von uns allen zusammen in die Charts befördert zu werden. Verkäufe und Konsum verändern im Kapitalismus auch kulturelle Realitäten. – Lasst es uns versuchen.

Ich empfehle nur Bücher, die ich selbst gekauft und komplett gelesen habe, Bücher aus meinem eigenen Verlag fallen aus naheliegenden Gründen leider raus. No Bro-Culture, versprochen.

Benutzt bitte, wenn ihr im Netz dazu was schreibt, #indierealität, denn darum geht es: Bücher und E-Books aus Indieverlagen mit Stimmen, die sonst nicht gehört werden, weil das Feuilleton sie nur in Ausnahmefällen entdeckt, IN DIE REALITÄT zu bringen, sie wahrnehmbar zu machen, die Vorstellung dessen, was als schöne, interessante, relevante Literatur betrachtet wird, deutlich zu erweitern.

Ich traue mir zu, diesen Filter zu bilden, weil ich im Netz ja als so etwas wie das Andere des Feuilletons wirke.

#indierealität versteht sich als Ergänzung zu den Initiativen #vielfaltdurchlesen – jeder Titel ist auch eine weitere Empfehlung von mir dafür – und #indiebookday sowie #indiebookchallenge.

 

Meine ersten beiden Empfehlungen sind, von rechts nach links:

Rasha Abba
Eine Zusammenfassung von allem, was war
Berlin: mikrotext 2018

Ich beschreibe meine Lektüre-Erfahrung, weil sie so bezeichnend ist für das, was ich u. a. unter dem Hashtag #umsehenlernen beschreibe, diese Unfähigkeit, Bücher, die vom Gewohnten abweichen, richtig sehen zu können und von der überdurchschnittlich oft Bücher von Menschen betroffen sind, die nicht von weißen cis Männern geschrieben wurden, weshalb sie weniger besprochen, verkauft, gelesen werden. Ich habe nämlich zunächst Fluchtimpulse beim Lesen entwickelt, Momente von ›Ja, schon gut, aber erst mal Kaffee, Netflix, Garten, anderes Buch?‹. Und zwar einfach nur, weil ich lange nicht »zum Spaß« gelesen hatte und mein faules Gehirn gern so was Altbewährtes wie DeLillo oder Roth haben wollte, eben das, was es zeitlebens am häufigsten als gut vorgesetzt bekommen hat. Diesen Abwehrmechanismen habe ich widerstanden, was eine gute Idee war, denn ab der dritten Geschichte war aus dem ›Viersterne-Buch, das ich doch lieber später weiterlesen würde‹ ein tadelloses Fünfsterne-Buch geworden: mit einer sehr eigenen Stimme, einem tollen Mix aus kulturell spezifischer und global identifizierbarer Abwegigkeiten, mit der perspektivischen Gnadenlosigkeit gegenüber eigenen Schwächen, die ich speziell bei Autorinnen sehe und liebe und der zugleich nüchternen und sprachmächtigen Darstellung dessen, was es heißt, in einer von Krieg und Vertreibung bestimmten Zeit und Welt als Mensch zu überleben und irgendwie klarzukommen.

›Irgendwie klarkommen‹ ist überhaupt das relevanteste literarische Thema der Gegenwart, das wissen nur noch nicht alle!

 

Mika Murstein
I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay
Münster: edition assemblage, 2018

Bei Menschen auf Twitter oder sonstwo im Netz, die für ein bestimmtes Thema stehen, habe ich mir angewöhnt, so vorhanden und wenn ich nicht gerade total pleite bin, deren Bücher zu kaufen und zu lesen. Damit zeige ich mehrfach meine Wertschätzung: Ich honoriere finanziell ihre unbezahlte Arbeit im Netz, ich lasse sie umfassend aussprechen und höre konzentriert zu, ich missbrauche sie nicht als menschliches Google für auch bei mir spontan aufpoppende Fragen. ›I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay‹ beantwortet präzise und verständlich alle Fragen zu Be_Hinderung und Anti/Ableismus, die man Mika Murstein schon x-mal auf Twitter gestellt hat oder vielleicht genau in dieser Sekunde stellen würde, läse man nicht gerade meine Rezension. Das Buch ist ein Memoir mit sehr solider und zugänglicher Theorieanbindung. Murstein erzählt vom Aufwachsen und Leben mit Be_Hinderung, erklärt Diskurse und Begriffe in diesen Kontexten, die im Netz oft vorausgesetzt werden und genauso oft falsch angewendet, was sachliche Kommunikation erschwert. Es werden auch Utopien entworfen, die nichts mit der gängigen Vorstellung von »Inklusion« zu tun haben. Die Lektüre lässt einen auf angenehme Weise belehrt zurück.

Mika Murstein nennt das Buch selbst »Backsteinbuch«, und es ist wirklich ein ziemlich dicker Klopper. Aber die Schrift ist groß, denn das Buch gibt sich Mühe, möglichst barrierefrei zu sein, und so lässt es sich locker weglesen, ein wirklich freier Sonntag genügt dafür, habe ich für euch getestet.

Wer schreckliche Angst vor Texten mit vielen Unterstrichen hat: Stellt euch einfach vor, es wäre visuelle Typografie, also Avantgarde, dann lässt euer Dünkel den Inhalt huldvoll passieren. Außerdem sollten euch lieber die vielen von Rechten etablierten Neologismen Sorge bereiten.

»Backsteinbuch« hat mich dann auch noch auf eine andere Idee gebracht, nachdem mein großer Sohn kürzlich mit ›Herr der Ringe‹ nach seinem Bruder warf: ›I’m a queerfeminist cyborg, that’s okay‹ wäre perfekt, um es nach rechten Trollen zu werfen!

*

Also kauft diese beiden Bücher: bei mojoreads, in eurer Lieblingsbuchhandlung oder an einem anderen Ort, wo es nicht egal ist, ob man Literatur oder Autos verkauft. Verschenkt oder verleiht es nach dem Lesen an Menschen, die nicht genug Geld haben, selbst Bücher zu kaufen.

XOXO,
FrauFrohmann

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