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Ich stand am Ufer eines breiten Flusses mit dem Brief, den ich von unbekanntem Absender erhalten hatte. Ich sollte mir eine Tote ansehen, die unter meinem Namen gestorben und begraben worden war. Ein Fährmann und eine Fährfrau, die Gesichter unter großen Fischerkapuzen verborgen, erwarteten mich. Sie nahmen den Brief und geboten mir zu warten. Vor mir waren noch zwei andere an der Reihe, die offensichtlich in ähnlicher Angelegenheit hergebeten worden waren – eine Frau und ein Mann. Wir standen auf einer Plattform über dem Fluss. Die Fährleute gingen an die Arbeit. Zuerst zogen sie eine blaue Kiste aus dem Wasser, die sie oben auf dem Plateau öffneten. In der Kiste lag eine Tote, die der Frau neben mir täuschend ähnlich sah. Das schmutzige Wasser hatte ihr aber das Gesicht geschminkt. Die Lebende gab sich völlig unbeeindruckt, verkleidete sich als Gekreuzigte und lief fort, weil sie sich zum Tanzen verabredet hatte. Die Kiste wurde geschlossen und fiel wieder ins Wasser zurück. Auch der vermeintliche Doppelgänger des Mannes sah diesem täuschend ähnlich, doch kam mir das Original selber tot vor, war es doch die ganze Zeit schweigsam und ohne Bewegung.

Als ich an der Reihe sein sollte, drohte das Plateau abzukippen. Ich wusste, ich darf nicht in den Fluss stürzen, sonst ist meine Verbindung zu den Lebenden unwiderruflich abgeschnitten. Den Fährleuten sah man die Anstrengung an, mit der sie diesmal einen Kleinbus aus dem Wasser zogen. Darin saß die Frau, die mir ähnlich sein sollte, aber meiner Meinung nach ganz anders aussah als ich. Sie öffnete plötzlich die Augen und sprach mich an, ich trat erschrocken beiseite, war aber zu neugierig, um mich vollständig abzuwenden. Sie reichte mir drei Luftpostbriefe, die ich ihren Freunden bringen sollte. Ich war verwirrt und flehte die Fährleute an: So befreien Sie sie doch, Sie sehen ja, dass sie noch lebt. Aber sie raunten nur: Schau genauer hin! Ich las im Gesicht meiner Antipodin. Nach langem Beobachten entdeckte ich Wasserflecken auf ihrer Haut, und als sie den Kopf drehte, fehlten ihr die Haare auf dem Hinterkopf. Ich wusste nun, dass sie an Krebs gestorben war, was mich unendlich traurig machte. Ich muss zurück, sagte sie, vergiss bitte die Briefe nicht. Die Fährleute ließen das Auto wieder in den Fluss hinunter. Ich sah, wie das Wasser darüber hinwegschlug und Strudel bildete. Da waren auch die Briefe nicht mehr in meiner Hand.

 

Annett Gröschner

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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