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Wie immer saß ich hinten im Wagen, auf dem „dritten Platz“ und hoffte, dass der Einsatz mich nicht überfordern würde.

Die Sirene des Rettungswagens war laut genug, um zu verhindern, dass ich mich an den Gesprächen meiner zwei Kollegen vorne beteiligen konnte. In all den Jahren vor dieser Ausbildung zum Rettungshelfer war ich nie einer schlimmen Verletzung oder dem Tod direkt begegnet.

Der Wagen hielt. Ich kämpfte mich aus meinem Stuhl, beeilte mich ihn hochzuklappen, schnell das EKG zu greifen und die Tür zu öffnen. Ich hatte schon gelernt, schnell und zügig bereit zu sein, damit ich die Kollegen nicht aufhielt.

Wenigstens etwas.

„Patient ist tot. Du kannst das EKG wieder zurückstellen. Willst du mitkommen?“ Auf die Frage meines Ausbilders antwortete ich mit „Ja.“ Besser jetzt, als später irgendwann auf kaltem Fuß erwischt.

Wir gingen auf den Wohnblock zu. „Wenn es dir zu viel wird, einfach gehen. Das ist in Ordnung“, mein Ausbilder versuchte mich vorzubereiten, so gut es ging. Was würde mich erwarten?

Der Notarzt fing uns am Hauseingang ab und schickte mich zurück. Ich fühlte mich wie so oft nutzlos. Andererseits war ich erleichtert. Hatte ich doch ständig die Angst im Nacken, mich im Ernstfall als hinderlich zu erweisen. Ich wollte nicht versagen. Versagen würde schlimmstenfalls bedeuten, dass ein Patient zu Schaden käme. Diese Verantwortung machte mir bei jedem Einsatz zu schaffen.

Ich ging zurück zum Rettungswagen. Dort wartete mein anderer Kollege zusammen mit der Schwester des Toten und ihrem Mann auf das Eintreffen der Polizei.

Die Schwester hatte ihn gefunden: „Ich hab mir Sorgen gemacht. Wir waren am Wochenende nicht da. Wir sind segeln gewesen. Er war ganz schwarz im Gesicht. Als wir am Freitag telefoniert haben, schien er so glücklich. Endlich ging es wieder bergauf mit ihm. Wären wir nicht weggefahren. …“ Sie brach in Tränen aus.

Ich setzte mich mit ihr auf die Treppen vor dem Hochhauskomplex. Eine warme Sonne strahlte heiter vom wolkenlosen blauen Himmel, während die Frau bitterlich weinte, immer wieder beschrieb, wie sie die Leiche vorgefunden hatte. Schwarz, riechend und voller Fliegen.

Immer wieder fragte sie sich, ob sie nicht hätte verhindern können, dass er starb, wenn sie nur am Wochenende mal nach ihm gesehen hätte.

Spontan umarmte ich sie. Lange hielt ich sie in meinen Armen und ließ sie weinen. Irgendwann löste sie sich von mir, dort auf dieser Treppe in der Sonne vor den Mietwohnungen. Als sie mich von sich stieß, war ihr Blick unfreundlich.

Im ersten Augenblick der Trauer hatte sie bei mir Halt gesucht und mir Dinge erzählt, die sie nie und nimmer ihren Angehörigen anvertrauen würde.

Nun war es ihr peinlich, einer fremden Person ihre Ängste so offen dargelegt zu haben. Sie konnte nicht wissen, dass ihre Gedanken bei mir sicher waren.

 

Alexandra Scherer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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