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… In einem kühlen Grund | da wehten Gezeiten | sanft | nah und weit | gediegen | geschmiegen | an deiner Wange sich gepresst | die Liebe in den Stürmen | die ging mit auf Reisen | wir formten uns zur Strömung | hinauf | hinab | geschwungen und schwebend | wir waren hier | wir wehten fort | wir schwebten an | und drehten uns | mit einem Schwung | beendeten wir die Richtung | an die Oberfläche | pulsierten wir | durchbrachen die Perlen im Wasser | das Licht und das Leid | und schoben uns rücklings | die Augen hoch | und forderten | das anderes kommen muss | wenn alles geht | für immer | auf uns wollen wir uns verlassen | im Herzschlag leben | im Beben uns bewähren | wenn wir weit weg | dem Treiben uns bewegen | auf und ab | schaukelnd und weg | höher strömend | tiefer drehend | alles kann | unseren Geist bewegen | wenn wir uns nur halten | können wir unsere Gedanken sehen | uns in den Augen spiegeln | weg vom kühlen Grund | dachten wir | die Zeit sei fern | hier oben | wo unser Hauch unsere Münder umspielte | wie kleine Perlen | an deinem wunderschönen Hals | hingen wir an einem Faden | und wippten mit den Zeiten | und nahmen Schwung | und lehnten uns nach hinten | sagten Auf Wiedersehen | und betrachteten die Welt verkehrt | um uns in ihr zu spiegeln | fuhren wir | daher gekommen | dahin gegangen | unsere Zeit erahnend | wieder hinab auf einen kühlen Grund | trafen dort | unsere Gedanken | da wo der Strom nie verzagt und immer weiter zieht | weiter als ein Ewiges | die Ewigkeit sich doch verliert | sich versteckt vor all dem | in deinem Wimpernschlag | haucht ein Zu ein anderes Auf | dem Warten folgt | im leisen Strom | ein Flüchtiges entgegen | entstanden aus dem Drang | uns nicht mehr zu begegnen | da | im kühlen Grund | dem schweren Nass | liegen wir aneinander | das Schwere hält uns | angestrengt | wir atmen kaum | im kühlen Grund | spüren wir uns | wie Blumen auf dem Feld | im Wind der Sonne streben | und vergehen | im kühlen Grund | uns an unserer Ewigkeit schmiegend | bewegten wir uns fort | im schweren Dunkel | sachte | wo uns niemand hält | nicht wir | die Zeit | wir strömen an ihr fort | du bleibst | in meinem Herzen | das Streicheln deiner Augen | das Schillern durch den Strom | mit dir | beiläufig passierten wir das Leben | sanft auch die Liebe | dann endlos und für immer wähnend | uns | werden wir uns nicht mehr treffen | auch nicht dort | im kühlen Grund | wo ich dich traf und wir uns entströmen …

 

Jörn Heller

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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