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Solche Dinge passieren immer plötzlich, sie passieren nie, während man darauf wartet, auf den Knall, man wartet nicht, und deshalb ist, was geschieht, immer schon vorbei, wenn man ihn hört, den Schuß, den Schlag, ein Geräusch, das man eigentlich nie wirklich hört, man erinnert sich nur, es gehört zu haben, man erinnert sich und rekonstruiert, folgt dem Zeitpfeil ausgehend von dem Gezappel am Boden rückwärts zu dem, was man als Knall oder Schuß oder Schlag noch gar nicht gehört, worüber man aber bereits furchtbar erschrocken ist, mehr als über den kurzen Kampf des Vogels, über den zu erschrecken immer noch Zeit ist, erst muß das hier zu Ende sein. Es dauert auch nicht lange, und es ist nichts zu tun, die Taube weiß selbst, was in solchen Augenblicken getan werden muß, vorschriftsgemäß versucht sie hochzukommen, plustert sich, dreht sich um sich selbst wie im Balz, schlägt wohl noch mit dem Flügel, überlegt es sich anders, ist still, wackelt nur noch einmal kurz wie in entrüstetem Erstaunen über die Dummheit von Fensterglas, ermattet, läßt endlich auch den Kopf zu Boden sinken. Wundert sich vielleicht noch, daß sie stirbt. Stirbt. Fühlt die Finger des Mädchens nicht mehr, die leise neben dem Leichnahm niedergekniet ist, eine Hand am Mobiltelephon, und ihn mit der freien Hand streichelt, rhythmisch und ruhig, wie man ein Kind beruhigt oder am Erwachen hindert, beiläufig die Federn ordnet, wohltut, als könnte sie den Schrecken aus dem erkühlenden Leib zurückstreicheln, während ihr Mund ruhig ins Gerät spricht, aber man kann nicht hören, was sie sagt oder zu wem.

 

Solminore

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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