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Intensivstation. Ein Zimmer, acht Leute. Keiner sagt was, einer röchelt.

 

Wir haben das erwartet, Menschen sterben, wenn sie alt sind, diese Situation kommt nicht überraschend, aber unvorbereitet. Jetzt warten wir hier konkret. Alle seine Aktivitäten werden aufgezeichnet. Oder eben nicht mehr aufgezeichnet, weil es sie nicht mehr gibt. Ich muss andauernd pinkeln. Bei jedem Mal das Gefühl, jetzt gerade den Moment zu verpassen. Auf der Toilette den Spiegel fragen, wie lange man warten müsste, um dem Moment des Ablebens Würde zu verleihen.

 

„Wollt ihr den ganzen Tag hier warten?“

„Ich weiß nicht, was man sonst in so einer Situation macht.“

„Ich auch nicht.“

 

Warten. Dreizehn Stunden lang. Wir lesen keine Zeitung. Wir trinken keinen Kaffee. Wir sprechen nicht. Wir stehen nur am Rande eines Bettes und warten auf den Tod. Konkret. Das bedeutet, man ist einfach nur da.

Für den, der dort liegt. Für uns. Für sich selbst.

„Ich glaube, er merkt das, dass wir alle da sind.“

Seine Augen sind halboffen, sein Stöhnen enthält vielleicht ein Wort oder zwei, aber alles, was ich wirklich sehe, ist: egal, was ist, im Sterben bist du absolut allein. Ich habe kein Bedürfnis, seine Hand zu nehmen. Ich fühle nicht, ob er da ist, ob er geht, ich fühle nichts. Ich gucke nur zu und warte. Er ist ein röchelnder Körper, geschwollene gelbe Hände, antiseptischer Geruch. Meine Schwester schwingt das Betttuch über seine Arme, ihre Bewegung ist pragmatisch und schön. Ich steige auf die Fensterbank, um mir einzuprägen, was man draußen sieht. Wir sind im Keller, man sieht nur ins Parkhaus. Meine Großmutter hat zu spitze Schultern, ihr Rücken wirkt heute sehr schmal. Sie trägt einen beigen Pulli. Seine letzten Minuten erlebte ich als Countdown. In den letzten Minuten sah ich nur noch auf die Anzeige. 46. 32. 21. Ein Herz hört nicht bei null auf zu schlagen, sondern bei zehn. Dann sehe ich meinen Vater zum ersten Mal weinen. Wieso erst dann? Wieso nicht schon eher? Schon bei 46 oder 32 zum Beispiel? Ich frage mich das bis heute.

 

Dann kam die Müdigkeit. Und noch mehr Müdigkeit. Und dann nichts. Ich habe bis heute nicht geweint. Die Lücke, die er hinterließ, war erschreckend klein. Sie passt nicht zur Länge des Lebens. Da muss doch mehr passieren, wenn ein Leben geht. Aber es passiert einfach nichts. Dieses Nichtvorhandensein von irgendwas macht Angst. Vielleicht passierte nur die Angst. Konkrete Angst. Vorm Gehen. Von mir. Von anderen. Da ist nur Angst. Und diese dreizehn Stunden Warten. In meiner Erinnerung nehmen sie mehr Raum ein als alles andere von mir. Oder von ihm. Ich bin mit ihm aufgewachsen und alles, an was ich mich erinnere, ist das Weiß seiner nach innen gedrehten Augen, das Muster des dünnen Hemdes, das er im Krankenbett trug, die Farbe seiner geschwollenen Finger. Die leuchtenden Zahlen auf der Anzeige neben dem Bett.

 

Fast ein Jahr später. Meine Großmutter stirbt. Mein Vater erfährt erst nach der Beerdigung von ihrem Tod. Aus der Zeitung. Rache des Bruders für einen Streit aus vergangenen Tagen. Wir warten nicht. Mein Vater weint nicht. Das Signal für Trauer fehlt. Die Lücke, die sie hinterlässt, ist gar nicht vorhanden. Auf dem Friedhof finden wir ihr Grab nicht. Ich bin nicht mit ihr aufgewachsen, aber ich weiß, dass ihr Lächeln so aussieht wie das meines Vaters, weiß, wie es in ihrer Küche roch, weiß, dass sie mich bei unserer letzten Begegnung fragte, ob ich meine Schwester sei. Ich habe noch ihre Stimme im Ohr. Von meinem Großvater höre ich nur das Röcheln. Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt je gesprochen hat.

 

Ich weiß nicht, wie lange man warten muss, um ein Leben zu würdigen. Ich probiere es seit damals jeden Tag neu.

 

Lea Sauer

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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