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Es ist wie in diesen kitschigen amerikanischen Fernsehserien: Du siehst dich dort liegen, und dein Leben läuft aus dir heraus, eine dunkelrote Pfütze, und du denkst dir, so ein Riesenloch in der Brust, das muss doch wehtun. Aber es tut nicht weh, und du machst dir Sorgen, wie du die Flecken aus deinem Lieblingshemd kriegen sollst, und wie du deiner Frau erklärst, dass du heute schon wieder zu spät nach Hause kommst, und du stellst dir vor, wie sie das Bier riechen wird, hoffentlich nur das Bier und nicht das Parfüm.

Dann wird dir plötzlich klar, dass du schwebst, und du überlegst, wie zum Teufel das möglich ist, und dann erinnerst du dich: Erinnerst dich an das Gesicht der Frau, neben der du zwölf Jahre lang jeden Morgen aufgewacht bist, die Frau, die plötzlich vor dir steht. Aus ihren Augen laufen Tränen, verschmieren die Wimperntusche und ziehen schwarze Spuren über die Wangen, die du früher so gerne gestreichelt hast. Und dir wird klar, dass es diesmal kein „Schatz, heute ging es wieder länger im Büro“ gibt, und kein „Ich geh noch schnell duschen“, damit sie nichts merkt; denn sie steht da und starrt dich an, dich und die kleine Blondine aus der Poststelle neben dir. Starrt mit diesen weit aufgerissenen Augen und den schwarzen Spuren im Gesicht, und für einen Moment bist du völlig allein mit ihr, obwohl die Bar voller Menschen ist.

Du schaust in ihre Augen, die einmal die schönsten für dich waren, doch heute nur noch Augen sind. Du suchst nach diesem Feuer, das früher einmal da war, hoffst auf einen Funken, aber da sind nur Tränen und du stellst fest, dass hinter diesen Tränen keine Liebe mehr wartet, sondern nur Schmerz und Wut; und du fragst dich, was geschehen ist: mit ihr, mit dir und mit der ganzen verdammten Welt.

Du überlegst, ob es einmal eine gegeben hat, eine von diesen vielen Frauen, eine, die dich berührt hat, deine Seele, wie diese Frau mit dem Schmerz und der Wut in den Augen, hinter denen früher einmal Liebe war. Und du fragst dich, warum es nicht möglich war, sie mehr zu lieben, viel mehr, und dir fällt nicht mehr ein, warum das alles einmal wichtig war, und auch nicht, warum es jetzt nichts mehr bedeutet, und du begreifst in diesem Moment, dass du dein Leben lang nichts begriffen hast. Dann siehst du die Pistole in ihrer Hand, und du stellst überrascht fest, was für zierliche Hände sie hat, jetzt mit der Waffe. Du merkst, wie sehr ihre Hände zittern, als sie das Ding auf dich richtet, und du fragst dich, wo sie die Waffe herhat, und siehst, wie sich ihr Finger um den Abzug krümmt, beobachtest, wie das Ding Feuer und Rauch spuckt. Du drehst den Kopf, schaust in das Gesicht der kleinen Blonden aus der Poststelle, die bleich da sitzt, auf diesem Barhocker neben dir, und beobachtest fasziniert, wie in einem Sekundenbruchteil ihre Sinnlichkeit zerbricht, die Augen verdreht, den Mund verzerrt, und du fragst dich, was an dieser Fratze dich jemals erregt hat. Dann trifft dich die Kugel, und du spürst es nicht. Spürst nicht, wie dein Herz aufhört zu schlagen, deine Beine nachgeben, die eine Hand das Bierglas fallen lässt und die andere vom Knie der Blondine rutscht. Du siehst die Menschen in der Bar, wie sie sich abwenden, die Mäuler in Panik aufgerissen, und wie der Barhocker in Zeitlupe neben dir in die Höhe wächst, und das Licht wird immer dunkler, und du siehst nur noch die Lampen an der Decke, und dann auch die nicht mehr. Und mit einem Mal schwebst du, siehst dich da liegen, siehst das Loch in deiner Brust, und denkst dir, so ein Riesenloch, das muss doch weh tun. Du siehst deine Frau, siehst die Pistole, siehst wie in diesem Moment der Schmerz und die Wut aus ihren Augen verschwinden, und sie die Hand sinken lässt, die Hand mit der Waffe, die sie eben noch auf dich gerichtet hat. Siehst, wie ihr Zorn verraucht und mit dem Qualm nach oben steigt, dorthin, wo du jetzt schwebst. Dann ist der Raum plötzlich voll mit Menschen, und alles schreit und brüllt, und von irgendwoher heult eine Sirene, und deine Frau liegt auf dem Boden, und ein Typ versucht ihr die Waffe wegzunehmen, und du sagst ihm, er soll sie in Ruhe lassen. Aber er hört dich nicht, und bricht ihr fast die Finger, und du willst ihn packen, aber du schwebst ja, und dein Körper liegt da auf dem Boden, nicht weit von deiner Frau und du siehst das Riesenloch in der Brust, und wunderst dich, warum es nicht wehtut, und dann weißt du es auf einmal: Weißt, warum es nicht wehtut. Weißt, warum du schwebst. Weißt, warum nichts mehr wichtig ist. Und wie in diesen kitschigen amerikanischen Fernsehserien wartest du auf dieses Licht, das dich wegbringen soll, von dem Loch, das einmal dein Herz war, von der dunkelroten Pfütze, dem Geschrei, von den Augen mit der Leere, hinter denen früher einmal Schmerz und Wut war. Aber das Licht kommt nicht, weil diese Serien eben Kitsch sind, und da ist kein Licht, nicht für dich, nicht für irgendwen. Und wenn du noch weinen könntest, würdest du es tun.

 

Peter Hellinger

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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