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Am Morgen das erste zuckende Erwachen, das Gewissheit weckt. Ein Stich so tief in der Brust, ein betäubender Krampf, der sich über das Gesicht zieht und nicht schreien kann. Ich werde sterben. Stille Tränen. Ich fürchte nicht den Tod. Ich fürchte das Sterben. Am Ende ist das Nichts. Ich bin beruhigt, dass dies so ist. Nichts tut nicht weh. Der Weg ins Nichts schon. Der tut weh. Der lebende Abschied ist es, der schmerzt. Der so gewaltig die Vergänglichkeit, die Endgültigkeit in alle Sinne presst. Erinnern an die besonderen Momente des Lebens, um festzustellen, dass das Leben an sich besonders ist. Schmerzfreies Leben. Erinnerungen blitzen glanzlos auf. Das gelebte Leben noch einmal leben. Bald ist alles vorbei. In die Zukunft sehen. Eine Zukunft ohne mich. Da ist der Abschied von etwas, was ich noch gar nicht gelebt habe. Was noch kommen sollte und auch ohne mich kommen wird. Werde ich die Einschulung meines Enkelkindes erleben? Wird es meiner Tochter gutgehen? Schmerztränen. Anfangen, das jahrzehntelang angehäufte Chaos aufzuräumen. Habe ich genug Zeit? Tagebücher einer Pubertierenden, zeitlose Fotos und nicht beschriftete CDs. Ein erstes Verschwinden. Selbstbestimmt. Endgültig. Lebensgüter werden unwichtig. Schöner Hausrat verliert an Bedeutung. Was ist wirklich wichtig im Leben und was bleibt wichtig, wenn ich nicht mehr da bin?

Mit sieben Jahren hat sie zum ersten Mal unter der Bettdecke die Luft angehalten, bis ihr schwummrig wurde. Sie wollte verschwinden üben. Sie sprang von einer Mauer in die von ihr vorgestellte Hochhaustiefe. Da war sie acht. Eine Wunde am Knie, mehr war es nicht. Ihre Sehnsucht, den sicheren Weg ins Nichts zu finden, war früh geboren. Viel später wusste sie wie. Ihre ersehnten Tode hielten sie alle am Leben. Zweimal war sie nahe dran. Kein Tod war leicht. Immer mit Schuld verbunden.

Mein Vater lebte vierundachtzig Jahre. Obgleich es bei ihm noch gar nicht nötig war, hatte am Freitag der Pflegedienst gleich alles angekarrt, was eine Person zum alten Ende-Leben so brauchen könnte. Wenn nicht jetzt, dann eben später. Was da ist, ist da. Mein Vater hat das Paket Windeln gesehen. Da war es da. Er wollte schon lange nicht mehr. Ohne Atem, die Furcht zu ersticken, irgendwann. Seine Lebensqualität schwindend, ein jahrelanges Verabschieden. Jede Begegnung ein letztes Mal. Für ihn war nur noch es leidendes Abwarten und hilfloses Festhalten an alten Werten. Die haben ihn dann doch noch gerettet. Die alten Werte. Er hat sich am Tag darauf erschossen. Als ehemaliger Fremdenlegionär bekräftigte er seine kompromisslose Haltung stets mit den Worten „… dann erschieße ich mich lieber! So wahr wie mein Name!“ Er machte Ernst. Für ihn gab es keine andere Wahl.

Manchmal besucht sie nachts der Lungenkrebs oder ein Hirntumor wächst im Sekundentakt. Panikattacken im Morgengrauen. Sie überlegt, weniger Alkohol und mehr Wasser zu trinken, um dann wieder zu prüfen, ob die Messer scharf sind. Das „wie“ ist wichtig für die Sicherheit, verschwinden zu können, wenn es sein muss. Einfach auflösen, das Ganze und sich selbst. Sie fürchtet den langen, schmerzvollen Abschied, der kommen wird. Schon lange lebt sie mutig. So nennen sie andere. Mutig. Es sind waghalsige Entscheidungen, gar lebensmüde. Als wäre jedes Jahr ihr letztes, will sie nichts verpassen. Bewegung in ihrem Leben. Lebensneugierig den Tod herbeisehnen. Wie kann das gehen? Der Tod ist das lebendige Chaos in ihr.

Das letzte Telefonat mit meinem Vater, einen Tag vor seinem Tod. Ein Abschied, der keiner war. Ein nicht empfundenes letztes Gespräch. Habe ihn gehört, ohne zuzuhören. Ich dachte nur, dass er hoffentlich nicht für lange ein Pflegefall sein wird, in Sorge um meine Mutter. Der Tod und die Schuldgefühle. Ernst hat sich an seine Überzeugungen gehalten. Das, was sein Leben ausmachte. Stolz war er und mutig. Es gab für ihn keine Aussicht auf einen „sanften“ Tod. Verdammt, wieso hatte man ihm nicht sterben helfen können? Sein Abschied, unser Abschied. Akzeptierend, respektvoll und schuldfrei. Er ist nicht der Einzige, den ich unheilbar habe leiden sehen, dem nicht geholfen wurde.

Darf ich Bewunderung empfinden? Versöhnung. Dankbarkeit. Ich möchte Leben ohne Angst vor dem Sterben. Werde ich den richtigen Moment erkennen? Werde ich den Mut haben? Vielleicht wird es Sterbehilfe geben? Abschied erlaubt für die Sterbenden und für die, die zurückbleiben. Gewaltfrei. Keine Schuld, kein einsames Verschwinden.

 

Beatrice Schlegel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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