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„Warum bist du oben auf 2-C?“

Smalltalk. Dinge, die einen nicht mehr berührten, wenn man einmal in sterilen Räumen gelegen hatte. Die Antworten gingen einem irgendwann in Fleisch und Blut über und Neuigkeiten wurden so stupide eingeflochten, als ob man ein Backrezept wiedergäbe. Ich fuhr mir durch das Haar, einen tiefen Atemzug weißen Qualms inhalierend, jede Glimmstengelfaser bis in die letzte Flüchtigkeit ausnutzend.

Pause.

Irgendwann fiel der erste Schimmer Asche hinab, doch noch bevor er den Boden erreichte, wurde er vom Wind verteilt und ich sah ihm unbeeindruckt nach. „Leukämie.“

Für den Moment weiteten sich seine Augen, gerade genug, um seine blaßen Lippen auseinanderzureißen, aber dann … dann nickte er nur. Kein Mitleid, kein Verständnis. Einfach nur ein Nicken und ein dünnes Lächeln, hinein in die Stille des fröhlichen Vogelgezwitschers über uns.

„Wie hoch sind deine Chancen, Craig?“

„Wenn ich jetzt noch anfange?“ Ich schürzte die Lippen und führte die Zigarette wieder zum Mund, nur um dann nachdenklich innezuhalten. „Hm. Zehn Prozent, vielleicht zwanzig. Schwer zu sagen bei AML. Und du?“

Meine Augenbraue wanderte in die Höhe. Ich taxierte sein bleiches Gesicht und den Rollstuhl mit einer Sorgfalt, die auch seine akkurat nebeneinander gelegten Hände nicht übertreffen konnten. Man sah Craigs Fingerspitzen an, daß sie unwillkürlich zitterten und dennoch war er vollkommen gefaßt, als er lächelnd die Lider schloß.

„Null.“

 

Jeanine Flögel

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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