345

Als wär es Papier oder Leinwand und nicht die Haut
seines Unterarms mit dem Tattoo.
Mit dem Tattoo der Dreifaltigkeit der Mütter:
der Erde, der Muttergottes und seiner eigenen,
die es zu gut und zu schlecht mit ihm gemeint hatten,
weshalb er jetzt an der Nadel hängt und sein Leben
vom Halbtoten ins Tote schleppt. Unaufhaltsam auf dem Weg
in den finalen Schoß. Wo er leidlos gewiegt, zu nichts
anderem als zur Ruhe gebettet sich wünscht.

Doch etwas soll bleiben von ihm

Als wär es Papier oder Leinwand und nicht die Haut
seines Unterarms mit dem Tattoo.
Zum Leben erweckt von der elektrischen Tätowier-Nadel,
über Sehnen und Muskeln gespannt wie auf Leisten aus Holz.
Eine Pietà ist es, ein: Siehe Mutter Dein Sohn, ist es.
Fleischgewordene Liebe, die er herausgeschnitten
sich wünscht. Posthum. Von welcher Hand, von welcher
scharfen Klinge auch immer. Nachlass aus
gravierter Haut, gerahmt unter Glas.
Den Tod überdauernd, an der Wand
seines Kinderzimmers.

Als wär es Papier oder Leinwand,
als wär er Papier oder Leinwand.

 

Christina Müller-Gutowski

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.