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Mama, wirst du vor mir sterben? – Ja, ich hoffe!

Es ist keine neue Einsicht, dass der Tod zum Leben gehört, aber ich musste mir das von meinem Kind erklären lassen.
Als mein Sohn zur Welt kam, war meine Mutter gerade ein Jahr unter der Erde, Krebs, unheilbar, vier Monate hatte es gedauert, von der Diagnose bis zur Beerdigung. Spürt ein Baby, ein Kleinkind, die Trauer der Mutter? Mein Sohn war ein ruhiges, ausgeglichenes Baby, ein schüchternes Kleinkind. Keine Trotzattacken im Supermarkt, keine Spielzeugkämpfe, kaum Theater ums Schlafengehen. Er schaute mit großen Augen in die Welt und manchmal lachte er zum Niederknien. Sein Vater und ich lebten unsere kreativen und nächtlichen Leben weiter, ich trauerte um meine Mutter.
Als unser Sohn fünf war, las ich ihm die Ritter Runkel-Reihe der Digedags vor. Das DDR-Comic-Kollektiv um Hannes Hegen hatte gründlich recherchiert und als ein turbantragender Bösewicht sich auf Vergebung im Jenseits berief, unterbrach mich mein Sohn. „Glaubt der Mann, er darf böse sein, weil ihm Gott später verzeiht?“ „Ja“, musste ich zugeben. „Gut, dann glaube ich niemals an Gott!“ erklärte mein Sohn und wohnte den folgenden Kapiteln mit gerunzelter Stirn und verschränkten Armen bei.
Dieses und tausend andere Erlebnisse hätte ich unsagbar gerne mit meiner Mutter geteilt – manchmal weinte ich, wenn ich eine Mutter und Tochter untergehakt spazieren sah, wenn eine Freundin erzählte, dass ihre Mutter sich zu sehr in die Erziehung des Nachwuchses einmische …

Und eines Tages weinte ich, meinen Sohn auf dem Schoß, als in einem Kinderbuch die Abbildung einer Großmutter zu sehen war, das Enkelkind auf dem Schoß. Mein Sohn fragte, warum ich traurig sei, und ich meinte, dass ich mir so gewünscht hätte, dass meine Mutter ihn kennenlernte.
Er schaute auf mein Bücherregal und meinte sanft, „aber da ist sie doch, die ganze Zeit! Hast du gedacht, sie ist nicht bei uns?“ Und zeigte auf einen weiblichen Schädel ohne Unterkiefer, den ich seit meiner Studentenzeit mit mir herumschleppe und als Buchstütze verwende. Ich nickte und lächelte ihn an, verblüfft. Auch wenn er das Grab meiner Mutter in meiner Heimatstadt kennt, schien es ihm logischer, die Nähe, die er spürte, auch materialisiert zu sehen.

Sie ist wirklich bei uns, und ich bemühe mich, meinem Sohn eine lustige, stolze und warmherzige Mutter zu sein, die er bei sich tragen mag, solange er lebt.

 

Anne Hahn

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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