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Wenn ich sagen müsste, von wem ich großgezogen wurde, dann waren es mein parfumloser Vater und No 19.
No 19 hat mir fast alles beigebracht, mich geprägt, mich getröstet, mich uneingeschränkt unterstützt, mir Werte und den Sinn für Sehnsucht und Leidenschaft vermittelt. Wir haben gemeinsam gelacht, Urlaube verbracht, manchmal fürchterlich getrunken, zu den Beatles und Milva-Tangos getanzt, gestritten, Hörer aufgeknallt, geweint, Weihnachtsplätzchen gebacken, Audrey-Hepburn-Filme geschaut und stundenlang telefoniert. No 19 war einfach immer da. No 19 war eine tolle Frau. Zwar nach außen hin etwas zitrisch-herb, bei näherem Kennenlernen im Herzen aber voll und warm wie der Duft von Maiglöckchen, Jasmin und rosigem Ylang Ylang, trotz aller Unsicherheiten stolz und aufrecht ehrlich wie moosbewachsenes Zedernholz.

Vor 16 Jahren verstarb plötzlich meine Mutter und damit war No 19 aus dem Haus verschwunden.

Das Fatale am Tod eines geliebten Menschen ist, dass einem auch nach Jahren die Trauer an den unmöglichsten Stellen unerwartet auflauert. Erst vor kurzem, als ich in einer Parfümerie etwas hilflos umherlief, fand ich mich plötzlich vor den Chanel Parfums wieder, entdeckte No 19 und war irgendwie irritiert, dass meine Mutter da einfach so im Regal rumstand. 16 Jahre lang habe ich nicht mehr ihre Stimme gehört, also überlegte ich, ob ich nicht wenigstens an ihr riechen möchte. Ich griff zum Flakon, sprühte mir den Duft auf den Unterarm und binnen Sekunden waren alle Erinnerungen lebendig. Ihre Erscheinung, ihre Stimme, die ganz eigene Art sich zu bewegen, ihre Augen, ihre Witze, ihre Seele, ihre Ängste, ihre Freuden und Verzweiflungen, ihr Geruch. Alles war da und die Tränen begannen zu fließen und dieses warme Gefühl in der Brust, dieser enorme Reichtum, den sie mir hinterlassen hat, schwoll an. Ja, es tat unendlich gut, sie zu riechen, sie zu spüren.

Chanels No 19 hat die Jahre, wie meine Trauer auch, mit einigen Veränderungen und Reformulierungen überdauert. Allerdings habe ich meine Mutter mit ihrem Chypre-Charakter etwas wärmer, weicher, pudriger und eleganter in Erinnerung, als der heutige Duft anmuten lässt. Ob ein Parfumvergleich meiner Mutter gerecht wird? Sicherlich nicht. Ob ich trotzdem mit No 19 weiterhin streiten, tanzen, stundenlang telefonieren, erinnern und trauern mag? Ich denke ja. Denn, ob Mutter oder nicht, es ist ein großartiges Parfum für großartige Frauen, die man nicht vergessen sollte.

Dennoch. Sie fehlt.

 

@HerrMathieu

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer


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