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Liebe Susanne.

„Ich kann dir nicht versprechen, dass du nicht fehlen wirst an allen Ecken und Enden. Ich kann dir nicht versprechen, dass wir nicht traurig sein werden. Aber ich verspreche dir, dass ich alles daran setzen werde, unsere Kinder durch die schwierige Zeit hindurch zu begleiten, bis sie wieder Boden unter den Füssen haben.“

Bald sind es vier Jahre, seit ich dir dieses Versprechen gegeben habe. Es tat dir damals gut zu wissen, dass ich bereit war für diese Aufgabe. Es nahm dir wenigstens ein bisschen Sorge – inmitten deines unermesslichen Schmerzes, als dein baldiger Tod immer mehr zur Gewissheit wurde.

Vier Jahre zuvor wurde bei dir ein bösartiger Darmtumor festgestellt. Es folgten Operationen, Spitalaufenthalte und verschiedene Phasen mit Chemotherapie, die du mit bewundernswerter Kraft gemeistert hast. Besser kann man mit einer solchen Krankheit gar nicht umgehen, habe ich schon damals zu dir gesagt. Die Krankheit war ein Thema, wir durften sie ansprechen. Aber sie dominierte nicht alles. Trotz Krebs, trotz Chemotherapie mit all ihren Nebenwirkungen: unser Leben hatte immer auch andere Facetten.

Du hast dich bis in die letzten Tage engagiert, in der Vollmondbar, in der Schulbehörde, als Präsidentin der Tagesschule, bei allerlei Gelegenheiten im Dorf. Das forderte dich sehr, aber es tat dir auch gut, gab dir bis zum Schluss eine Perspektive, einen Lebensinhalt. „Mein Leben ist wie ein grosser Schrank“, sagtest du manchmal, „in einer Schublade, da ist dieser Krebs – aber diese Schublade muss nicht immer offen sein. Da sind noch viele andere.“

Beides erlebte ich als für einen konstruktiven Umgang mit dieser Krankheit entscheidend. Es war befreiend, darüber sprechen zu dürfen. Wir mussten nichts verdrängen, keine Frage, keine Sorge, keine Träne. Genauso wichtig war, dass du weiterhin Lachen und Freude zugelassen hast. Freundschaften, Reisen, Spiele, Musik, feines Essen, sogar Feiern … gaben uns die Kraft, auch die traurigen Momente auszuhalten.

Und das war es wohl, was uns auch nach deinem Tod half, uns im Leben wieder neu zu orientieren und zurecht zu finden. Vermutlich bist du dir gar nicht bewusst, wie viel du noch dazu beigetragen hast. Denn wann immer wir schöne Momente erleben, da wissen wir: Du freust dich gewiss mit! Das tut gut. Und du freust dich über neue Schubladen, die unser Leben seither erhalten hat …

Klar bemühte ich mich, mein Versprechen zu halten. Das war übrigens ganz schön streng – auch physisch. Aber wenn ich heute unsere Kinder anschaue, dann hat sich alles gelohnt und ich denke oft: Du wärst stolz auf sie, wie sie Schwierigkeiten meistern, wie sie Herausforderungen annehmen, wie sie ihr Leben aktiv und kreativ gestalten. Und dabei schick ich dir ein grosses Dankeschön zum Himmel. Da hast du ganz schön viel dazu beigetragen.

 

Thomas Merz

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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