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Dort, wo das Licht war, da war auch er. Unter dem Baum, in einer lauen Sommernacht, atmete ich Licht ein. Wir können die Erfüllung nicht denken, wenn wir sie nicht fühlen – allein. Und zugleich ist alles erlebt, alles gesagt, alles geliebt. Im glücklichsten Augenblick nehmen wir den Tod in unsere Arme, im glücklichsten Augenblick sind wir ihm ganz nah. Im Unglück kämpfen wir, im Schmerz hoffen wir, aber im Glück wollen wir eingehen ins große Ganze. Und so war ich bereit für ihn, in dieser Sommernacht. Aber er ging vorbei, streifte mich nur als Vergänglichkeit des Glücks. Jahre vergingen. Und dann, als ich einmal in Todesangst zitterte, wollte ich ihn nicht. Ich wusste, dass die Bilder nie wieder aus meinem Kopf verschwinden würden. Ich wusste, dass ich meine Unschuld verloren hatte. Ich wusste, dass mich das Leben quälen würde mit diesem erlebten, nicht sagbaren Schrecken, dem nicht mitteilbaren Leid, der nicht zu vergessenden Schuld, die sich in diesen Stunden für immer in mich einschrieb. Doch ich betete, dass er mich verschonen möge – obgleich ich ahnte, dass in der Folge viele Tode durchzustehen sein würden, dass ich immer wieder sterben müsste in den vielen Augenblicken, wenn sich der Schrecken im Kopf wiederholte. Und dann, als er mich bei einem schweren Unfall beinahe ereilte, erschien mir der Tod als das Einfache. Kein Bewusstsein mehr. Kein Schmerz. Das Dunkel vollkommen, eine Erlösung. Der Tod als ein großer Schlaf, nur ohne Träume. Ob ich seitdem weniger Angst habe? Wir wollen im Bewusstsein bleiben, solange wir noch nicht fertig sind. Mit der Liebe. Mit der Hoffnung. Mit dem Licht. Mit der Angst. Wenn wir fertig sind mit all diesen Kämpfen, dann, ja, dann können wir einschlafen.

Ylva Sievi

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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