253

die erwachsenen hatten geahnt, daß er den sommer nicht erleben würde. jedenfalls diejenigen, die hingeschaut hatten. die ihn angesehen hatten im herbst. eingefallen, grau, die lippen merkwürdig verschwollen, das gesicht eine maske. er tat, als ob nichts sei und der fehlende alkohol tat ihm gut. für seinen körper aber war der entzug zu spät gekommen, das sterben nicht aufzuhalten.

seine neffen und nichten, die im selben haus wohnten, sagten jahre später, sie hätten nicht gemerkt, daß er krank war. sie waren daran gewöhnt, daß er nach dem gemeinsamen abendessen nach oben in seine wohnung verschwand – daß er dort trank, wußten nur die erwachsenen. abhalten konnte ihn niemand.

und letztlich muß man jedem zugestehen, sich sein unglückliches leben erträglicher zu gestalten, wie auch immer. dachten sie.

ihr ist von der beerdigung außer dem absurd schönen wetter und der unverhofften wärme der sonne an diesem früh im jahr liegenden gründonnerstag der kleinste neffe im gedächtnis geblieben. er hatte kein wort gesagt den ganzen tag und war dann, als die welle der trauernden abgeebbt war und sie mit der familie allein am grab stand, am rand des offenen grabes auf die knie gefallen.

 

bleiben werden ihr auch vage erinnerungen an einige flüchtige berührungen und ein diffuses gefühl von schuld und versagen.

 

 

@bildstoerung

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.