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Das letzte Mal hatte ich meinen Bruder vor acht Jahren gesehen, bei der Beerdigung unserer Mutter. Gregor war unverheiratet geblieben und nach Vaters Tod zurück ins Elternhaus gezogen. Wir standen uns nicht sehr nahe, trotzdem hatte ich mir fünf Tage frei genommen, um den Haushalt aufzulösen und die Beerdigung abzuwickeln. Als ich das Haus betrat, war alles so, wie ich es in Erinnerung hatte. Bis auf mein Jugendzimmer. Gregor hatte es zu einem Archiv umgebaut, Karteikästen drängten sich an Karteikästen. Sie enthielten ausschließlich Totenzettel. Tausende … nein Hunderttausende davon. Ich war geschockt – mein Bruder hatte wahrhaftig Sterbebildchen gesammelt.

Früher verteilte man diese Zettel bei Totenmessen, zur Erinnerung an die Verstorbenen. Sie enthielten Lebensdaten, Fürbitten und Bibelsprüche. Die Trauernden bewahrten sie in ihren Gebetbüchern auf, hofften wohl, mit dem Toten verbunden zu bleiben. Der Brauch wurde hauptsächlich in katholischen Gegenden gepflegt, heute nur noch auf dem Land oder bei sehr religiösen Familien. Ich sah die Sammlung durch. Es waren morbide Relikte – unbekannte Namen, unbekannte Gesichter, unbekannte Schicksale. Vollkommen sinnlos. Keine Ahnung, was Gregor in den Dingern gesehen hatte. Ich beschloss, alles zu entsorgen.

Das Gespräch mit dem Makler verlief unkompliziert, wir vereinbarten, das Haus einschließlich des Mobiliars zu verkaufen. In den nächsten Tagen entrümpelte ich, während ich gleichzeitig die Beisetzungsfeierlichkeiten organisierte. Gregors Testament enthielt eine Anlage, die ich mehr oder weniger exakt abarbeitete: Ich beauftragte den Pfarrer mit der Trauerrede, verschickte per Kurier die Beerdigungseinladungen, wählte auf dem Friedhof eine Grabstelle aus. Als letztes warf ich am Morgen der Trauerfeier die Karteikästen in den Müllcontainer.

Um sich von meinem Bruder zu verabschieden, kamen mehr Menschen, als ich erwartet hatte. Aber alles war von mir perfekt geregelt worden. Nur am Ende der Trauerfeier gab es Irritationen, als man mich wiederholt nach dem Totenzettel meines Bruders fragte. Ich wich aus. Den entsprechenden Punkt auf Gregors Liste hatte ich verdrängt. Vermutlich, weil mir seine Sammelleidenschaft so absurd erschien.

Zurück im Elternhaus setzte ich mich an den Laptop und googelte „Totenzettel“. Unglaublich, es gab wirklich eine Sammlerszene für diese Dinger. Noch unglaublicher war, für welche Summen diese Sterbebildchen gehandelt wurden. Es begann bei einem Euro für Exemplare aus der Zwischenkriegszeit, über Dreißig-Euro-Totenzettel des 19. Jahrhunderts, bis zu Totenzetteln berühmter Persönlichkeiten, die an der Hundert-Euro-Marke kratzten. Ich war elektrisiert – einige dieser Sterbebildchen glaubte ich in Gregors Sammlung gesehen zu haben. Ich lief aus dem Haus, doch der Müllcontainer war inzwischen geleert worden. Ein Nachbar sagte mir, dass das Müllfahrzeug aber erst vor wenigen Minuten unsere Straße verlassen hatte.

Ich sprang in meinem BMW und fuhr dem Müllwagen hinterher. Ein paar Straßen später erwischte ich ihn und zwang ihn anzuhalten. Als ich um die Fahrerkabine lief, riss mich eine Straßenbahn zu Boden. Bevor ich von den Rädern der tonnenschweren Tram zerquetscht wurde, war mein letzter Gedanke, was wohl auf meinem Totenzettel stehen würde …

 

Rainer Wittkamp

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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