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Wenn jemand sagt, er wünscht jemand anderem den Tod, halten sich alle Umstehenden mit verzerrtem Gesicht die Hände vor den Mund. „Oh Gott, wie kannst du so etwas sagen?“, argumentieren sie dann. „Höchstens noch dem schlimmsten Feind, vielleicht einem Kinderschänder oder einem Mörder … aber sonst?!“ Meine Freundin Lisa ist einer dieser Menschen, der ganz bewusst anderen den Tod wünscht. Jemandem den Tod wünschen …wie das auch klingt. Doch wenn ich über die Erzählungen von Lisa nachdenke, verstehe ich, warum sie solch ein Mensch ist, der anderen genau das wünscht. „Weißt du …“, sagte sie letztens zu mir, „… ich glaube nicht an Gott. Aber trotzdem bete ich jeden Tag, weil die Menschen, für die ich mir den Tod wünsche, es tun. Und vielleicht erhört mich ihr Gott ja doch und erfüllt meinen Wunsch“. Ein bisschen ratlos blickte sie dabei drein, als glaube sie selbst nicht so recht an das, was sie mir zu erklären versuchte. Und doch weiß sie für sich selbst keine bessere Lösung. Bevor sie nur tatenlos zusieht, probiert sie es auf diese Weise, erklärt sie. Mit dem Glauben und ihr wird es trotzdem nichts mehr werden, zu lange dauert es meist, bis sich ihr Wunsch erfüllt, da hat sie den Glauben längst aufgegeben. Dafür hat sie sich ein eigenes Ritual geschaffen. Wenn es dann tatsächlich passiert ist, öffnet Lisa immer das Fenster, damit die Seele entweichen kann, erklärt sie mir. Und wenn sie alleine und unbeobachtet im Zimmer ist, winkt sie ihr stets hinterher und wünscht ihr eine gute Reise. Das sind dann die Tage, an denen Lisa traurig, aber auch zufrieden von der Arbeit im Pflegeheim nach Hause geht, auch wenn sie sich für das gute Gefühl ein wenig schämt. „Verstehst du“, versuchte sie sich neulich vor mir zu rechtfertigen, „diese Menschen sind nicht einfach alt gewesen. Sie waren nur noch gefangen in ihrem eigenen Körper und konnten ohne Pflege nicht mal mehr essen. Ich wünsche mir selbst auch, dass ich ein klein wenig eher gehen darf“, sagte sie und lächelte ein wenig sehnsüchtig. Und wenn ich darüber nachdenke, so verstehe ich jetzt, dass „jemandem den Tod wünschen“ nicht immer etwas Schlechtes ist.

Nadine Lang

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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