217

Sie hat es geschafft,
sagt Papa am anderen Ende der Leitung,
endlich hat sie Ruhe,
endlich.
Ich komme sofort,
sage ich,
natürlich.
Als ich 60 Kilometer später
das Zimmer betrete,
liegt sie da in ihrem Bett
wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen,
so klein,
so durchsichtig irgendwie,
aber so friedlich:
Oma.
An jeder Bettseite
einer ihrer Söhne,
jeder hält eine Hand.
Winzig, viel zu dünn ihre Finger
in den großen Männerpranken,
aber wie immer knallrot lackierte Nägel,
das war ihr wichtig.
Vorsichtig legt Papa
ihre Hand
auf der Decke ab,
um mich fest in den Arm zu nehmen
und mit mir zu weinen.
Er ist kein Mann,
der sich seiner Tränen schämt.
Scheiße.
Es ist traurig, dass sie weg ist,
nie wieder Rommé
nie wieder schwäbische Küche
nie wieder ihr helles Lachen
über schlüpfrige Witze.
Aber es ist auch gut,
für sie selbst am besten,
irgendwann gab es gegen die Schmerzen
nur noch diesen Weg.
Wie war es?,
frage ich,
wie ist es gewesen?
Papa holt tief Luft,
schaut seinen Bruder an,
schaut mich an
und erzählt.
Schlimm war es,
sagt er,
zuerst sehr schlimm,
sie hat arg geklammert am Leben.
Immer wieder entsetzliche Atemnot,
das war krass,
jedes Mal überlegst du,
ob es noch sinnvoll ist,
und dann greifst du doch wieder
nach der Sauerstoffmaske.
Dieser Scheißkrebs.
Liebevoll streichelt er
die kleine, leblose Hand.
Dann kam der Punkt,
sagt er,
wo klar war,
jetzt passiert es.
Aber es war okay,
sogar höchste Zeit,
und der Zeitpunkt war gut,
denn wir waren beide da
und das hat sie sich doch gewünscht.
Vor ihrem letzten Atemzug
hat sie erst Marcus,
dann mich noch einmal so angeschaut,
wie nur eine Mama ihre Kinder anschauen kann,
und hat ihre letzte Kraft
in diese Hände hier gesteckt
und ganz fest gedrückt.
Pfiats eich, meine Buam,
hat sie gesagt,
und dann war es einfach vorbei
und es war gut.
Jetzt weinen wir wieder,
alle drei,
ich kniee mich neben das Bett
und streichle ihr kühles Gesicht,
das gleichzeitig so vertraut
und so fremd ist.
Servus, kleine Oma,
sage ich leise,
und danke für alles,
für stundenlange Spiele
und die allerschönsten Ferien
und diese kleinen Füße, die ich auch habe
und die besten Kässpatzen auf der Welt
und dass du mir beigebracht hast,
wie man unsichtbar Socken stopft.

Noch heute ist Omas hölzerner Stopfpilz
einer meiner größten Schätze.
Von allem, was ich erbte,
ist er mir am wertvollsten
und der Grund dafür,
dass ich über jeden Kinder-Socken-Kartoffelzeh
schmunzeln muss
und mich auf die Arbeit daran freue,
statt mich zu ärgern,
genau, wie ich das bei so vielen kleinen Dingen mache,
über die ich mich ebensogut
furchtbar aufregen könnte.
Danke, Oma.

 

Lilian Kura

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.