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Seit zwei Tagen warte ich auf seinen Anruf. Die letzte Nacht habe ich vor dem Fernseher verbracht. Habe auf die sich wiederholenden Bilder gestarrt, hoffte, sein Gesicht in der Menge zu entdecken.

Menschen strömen auf den Platz, Polizisten rücken vor, Wasserwerfer zerstreuen die Demonstranten, doch die Menschen lassen sich nicht vertreiben. Bilder aus sicherer Entfernung, aus luftiger Höhe. Kein Blut soll das schöne Bild der Freiheit verunstalten. Feurige Herzen lassen die Luft knistern, zerschneiden das Band zwischen Herrschern und Untertanen. Die Wenigen in den Palästen zittern vor der Menge. Welch ein Gefühl!

Mein Sohn, ich nannte ihn nach dem Freund aus frühen Tagen, den Jahren vor dem Exil, mein Sohn ist zurückgekehrt in jenes Land, das einmal meines war. Ein Ort, der mir fremd geworden ist und den er nun Heimat nennt. Er hat Gleichgesinnte gefunden, er spricht bereits ihre Sprache. In solchen Tagen schließt man rasch Freundschaft. Wie das Meer bei Flut spült Sehnsucht die Menschen aus ihren Häusern. Sie halten sich an den Händen, klammern sich an Parolen, sind in Bewegung.

Mein Sohn ist so zart, fast noch ein Kind. Ich wollte ihn nicht gehen lassen. Es hat Tote gegeben auf dem Platz, in den Straßen. Der Sprecher hat eine Zahl genannt. Als sei der Tod ein Preis, den zu zahlen man bereit sein müsste. Mein Sohn ruft nicht an. Der Sprecher nennt die Namen der Toten nicht. Mein Telefon schweigt. Ich habe Angst. Ich weiß, wie das ist, wenn einem das Tränengas den Atem erstickt. Wenn einem das Herz in den Magen rutscht.

Auch ich habe die Fackel getragen. Auch ich hatte Freiheit in den Augen. Unsere Körper waren eins. Unsere Münder geöffnet, unser Schrei gegen die Angst wie aus einer Kehle. Unsere Hoffnung gegen ihre Gewehre. Wir waren viele und doch konnten wir ihre Kugeln nicht aufhalten.

Unsere Bewegung geriet kurz ins Stocken, als mein Freund fiel. Neben mir entstand eine Lücke, nicht breiter als ein Atemzug. Dann liefen wir weiter. Unter meinem Herzen wuchs neues Leben.

Seit zwei Tagen warte ich auf einen Anruf. Mein Sohn trägt seinen Namen. Ich habe Angst, das Telefon könnte klingeln. Ich habe Angst, es könnte schweigen.

 

Ilka Haederle

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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