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Meine Großmutter ist umgefallen – und ich mit ihr. Wie es auf Deutsch schon klingt: Meine Oma hatte einen Herzinfarkt. Das Wort „Oma“ hat den Beigeschmack von ‚ist eh schon alt’. Im russischen „Babushka“ – auch wenn der Rest der Sprache für die Hiesigen so klingt wie ein einziger Streit – ist es doch das süßeste Wort, welches unser Dostojevski-Tolstoi-Vokabular zu bieten hat. Ich stellte mir vor, wie ich vor meinem Chef stehe und sage: Meiner Oma geht es nicht gut, sie ist auf der Intensivstation und ich muss dringend hin. Alles in diesem Satz hat sein Gewicht, aber was mache ich mit dem verdammten Wort „Oma“?
Meine Oma ist mein Alles. Meine Oma hat mich großgezogen, sie hat mir erzählt, was Tschernobyl ist und dass ich deshalb so oft krank sei. Sie hat mir Klavierstunden gegeben, hat mir gegen meinen Willen die Haare kurz geschnitten, mich jeden Abend zugedeckt, mir beigebracht, dass man beim Essen seine Ellenbogen nicht auf dem Tisch abstellt. Sie sagte immer: Kind, du bist jüdisch und deshalb anders als die anderen – hat mir aber nie so recht erklärt, was das eigentlich bedeuten soll. Niemand war ihr gut genug für mich, nicht einmal meine Eltern. Für mich und meine Mutter gab sie ihr geliebtes Minsk auf, im Tausch gegen ein Asylantenheim. Jetzt füllte sich ihre Lunge mit Wasser und sie fand kaum Kraft, zu sprechen. Wir standen vor ihrem Bett und wussten nicht weiter, obwohl alles so vorhersehbar war.
Ich spuckte die Worte meinem Chef auf den Tisch und wartete nicht einmal seine Reaktion ab. Er fragte schnell: Wie alt ist denn deine Oma? Ich sagte: Weiß nicht, 83 oder 84? Er hauchte halb verständnisvoll: Naja … dann! Gemeint war: Das ist ja alt genug. Genau diese vermeintliche Gelassenheit, alles Jenseits, das ich einem lebendigen Menschen nie anhaften wollen würde, steckt für mich in dem Wort „Oma“.

Fünfzehn gemeinsame Jahre in Berlin und plötzlich sehen wir in ihre müden Augen, sehen die ganzen Schläuche, Ärzte, Krankenschwestern. In Gedanken kann man sich in ferne Länder hineinversetzen, in andere Zeiten und Menschen. Aber den Tod begreift man nicht. Was der Tod eigentlich ist, das kommt über einen, wenn man ihm begegnet – und auch dann nur im Vorübergehen. Als ich weinte, hatte ich mich selbst bemitleidet. Als ich aufhörte zu weinen, traf mich der Schlag – ich stand einer Macht gegenüber, die ich in meinem Alltag ausgeblendet hatte. Jetzt musste ich gut Freund mit ihr werden. Beten war eine unter den Bergen meines Alltags verschüttete Kraft.
Ich habe eine zweite Chance bekommen mit jener, die ich nicht „Oma“ nennen möchte – und ich kann nicht sagen, dass ich diese gut nutze. Ich bin immer noch abweisend und schnell genervt, besuche sie viel zu selten und rege mich über Kleinigkeiten auf. Aber die Gegenwart von diesem überwältigenden Gefühl kann ich nicht mehr ausblenden – und ich denke, dass es mir hilft, das Leben klarer zu sehen.

 

Anna Margolina

 

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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