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Meine Beine baumeln und ich erinnere mich, wie ich früher auf der Schaukel saß und nur mit Müh und Not und ganz viel Strecken Sand zwischen meinen Zehen spüren konnte, bevor ich wieder nach vorne oder hinten schwang. Heute ist an meinen Beinen nur Luft. Ich sitze auf der Brüstung des Balkons und atme den Sommerabend ein, als ER seine langen Beine über das Geländer schwingt und sich neben mich setzt.

„Hartes Jahr, hm?“

„Nicht dein Ernst.“

„Sorry. Humor war nie so meins. Niemand lacht über meine Witze.“

„Weil sie scheiße sind. Immer. Lass es einfach.“

Der Tod schweigt, während ich an meiner Zigarette ziehe. Wir schauen beide nach unten.

„Du könntest einfach springen.“

„Könnte ich.“

„Dann mach doch.“

„Ach, ich weiß nicht.“

„‚Ach, ich weiß nicht.‘“

„Hör auf, mich nachzuäffen. Du kennst mich. In all meiner Impulsivität bin ich doch nicht gerade spontan. So etwas will gut durchdacht sein.“

„Es wird früher oder später sowieso passieren.“

Ich schnippe die Zigarette weg und beobachte den Fall der Glut.

„Weißt du, manchmal habe ich Angst, dass sie eines Tages sagen werden, dass sie sich nicht gefragt haben, ob ich es tue, sondern, wann es so weit ist.“

„Wirst du doch eh nicht mehr miterleben, also kann es dir egal sein.“

„Könnte es.“

„Dann mach doch.“

„Ach, ich weiß nicht.“

„Ach, i…“

Ein finsterer Blick bringt ihn zum Schweigen. Nicht der richtige Zeitpunkt für Scherze.

„Weißt du, es wäre dann alles vorbei.“

„Ja. Keine Leere mehr, nie wieder Panikattacken, keine Stimmungsschwankungen, keine depressiven Episoden. Du wärst frei. Erlöst.“

„Wäre ich.“

Wir schweigen. So wie wir nebeneinander sitzen, fühlt es sich ein bisschen an wie ein Rendezvous zweier schüchterner Teenager. Ich warte darauf, dass er „zufällig“ meine Hand streift und so testet, ob Körperkontakt okay ist, um dann mit mir Händchen zu halten. Irgendwie süß. Ich muss lächeln.

„Es wäre endgültig vorbei.“

„Yep.“

Meine Beine baumeln.

„Unumkehrbar.“

„Hat Sterben so an sich, ja.“

Ich vermisse den Sand zwischen meinen Zehen.

„Heute nicht.“

Er wirkt enttäuscht, als ich mich vorsichtig drehe und den Boden des Balkons ertaste.

„Vielleicht nächstes Mal.“

„Du kannst mich nicht ewig hinhalten.“

„Ich weiß.“

„Eines Tages wird es passieren.“

„Ja. Aber nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Vielleicht dauert es noch Jahre. Mit etwas Glück für mich und Pech für dich Jahrzehnte. Aber eines Tages. Vielleicht musst du ja irgendwann die Initiative ergreifen, weil ich kein Interesse mehr habe. Bis dahin … Mach’s gut.“

Als ich die Balkontür hinter mir schließe, ist er weg. Ich weiß, dass er wiederkommen wird. Hoffentlich vergehen bis zum nächsten Treffen noch ein paar Jahre. So lange gehe ich schaukeln.

 

Kati Kuersch

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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