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Man hat dich falsch herum ins Grab gelegt. Ausgerechnet dich, dem es immer so wichtig war, alles richtig zu machen. Nun liegst du mit dem Kopf in Richtung Friedhofsweg und kannst dem kleinen Ahorn, der an der Ecke neben dem Grabstein steht, beim Wachsen zuschauen. Du schaust doch hin, oder? Wer dich besucht, den siehst du nicht kommen. Er steht plötzlich neben dir, streichelt die kleine Erika, die aus deinem Scheitel wächst, und sortiert die Blumen in der Vase zu deinen Füßen. Kopfabwärts liegst du und hast ein großes Stück Himmel über dir, mit mächtigen Wolken, die Grüße schicken.

Wenn ich dich besuche, bringe ich nicht immer Blumen mit, aber meistens deine Enkel. Sie lärmen und toben und rennen um deinen Kopf herum. Ich weiß, dass es dich stört, wenn der Trubel überhand nimmt. Auf einem Friedhof herrscht Ruhe. Das gehört sich so. Deine Meinung, ich höre sie ganz klar und deutlich in meinem Kopf.

Und ich denke, vielleicht ist es das, was du im Leben nie hattest lernen können, Fehler zu akzeptieren, mit ihnen zu leben. Sie bedrohten deine Existenz immer und immer wieder. Nur dieser letzte Fehler, der hat dich einfach in die Arme geschlossen, mit Erde bedeckt, gemeint, dass es nichts ausmacht, dieses Falschherumliegen, dass die Menschen darüber hinweg sehen werden, ja sogar vergessen werden sie es, dass sie nicht deinen Kopf schützen mit dem großen Stein, sondern die Füße. Doch spüre ich es bei jedem meiner Besuche: Du haderst, auch nach all den Jahren noch.

Es stimmt ja, ich habe es nicht vergessen, das Falsche geht nicht mehr weg. Ich denke daran, wenn ich dir ins Gesicht blicken muss, sobald ich mich zwischen Ahorn und Stein stelle und sehen kann, wie die Wolken sich spiegeln in deinen Augen, sobald du mich anschaust aus der Tiefe und dann sage ich zu dir: Es ist gut so. Dann versuchst du mir zu glauben. Aber ich spüre, dass es dich Kraft kostet, Kraft, die du schon lange nicht mehr hast. Diese ganze lange Krankheit hindurch hast du versucht, das Gefühl loszuwerden, du hättest einen Fehler gemacht. Die Krankheit, sie wäre da, weil du falsch gelebt hättest. Nicht genug gearbeitet hättest dafür, endlich ein guter Mensch zu sein. Einer, der es verdient hat auf der Welt herumzulaufen, obwohl der Vater fehlte. Was ein guter Mensch sein soll, hast du mir nie erklärt.

Ich lehne mich manchmal an den Ahorn und schaue hinauf zum Spiel der Blätter. Jedes Blatt an seinem Platz, der Wind vermag es abzureißen, irgendwann. Einstweilen spielt er nur, deutet es an oder wispert: Ich werde wiederkommen und dich mitnehmen, du wirst zur Erde fallen und liegen bleiben, irgendwie, und aufgehen im großen Ganzen. Und man wird sich nicht mehr an das erinnern, was du zu sein versucht hast. Es wird egal sein, ob es dir gelungen ist oder nicht.

Immer wenn ich in dein Gesicht sehe, zwischen Ahorn und Stein stehend, den wispernden Wind über mir, kommt mir der Gedanke, dass man dich genau richtig herum ins Grab gelegt hat, Vater.

 

Silke Jäger

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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