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„Sie sagt, ich will sie vergiften.“
„Vergiften?“
„Ja, mit Giftgas. Durch ein Loch in der Wand.“

Ich arbeite in einem Gebäude mit achtzig gleichen Zimmern.
Dort sehe ich zwei tote Menschen und den Schal einer der Toten trage ich im Winter. Ich kenne ihren Namen und den Namen ihrer Tochter und ich weiß, dass sie blaue Augen hat, weil diese offenstehen, als ich das Zimmer betrete.

Zwei Stockwerke höher liegt sie.
Oft fahre ich mit dem Fahrstuhl nach meiner Schicht hoch zu ihr.
Sehr oft aber auch nicht.
Wenn ich es tue, tupfe ich ihr die Stirn mit einem feuchten Tuch ab oder streiche mit meinen Fingern über ihre Wange, wobei ich die Augen geschlossen halte.
Ich frage sie, was sie heute gemacht hat oder rede von mir oder helfe ihr in den Rollstuhl, mit dem wir dann im Kreis die vierte Station umrunden. Wenn wir stehenbleiben, weil sie mit den Händen die Räder blockiert, sind wir beide ganz leise.
Irgendwo fährt ein Krankenwagen vorbei, danach die Polizei. Sie streckt den Finger nach oben und lässt ihn kreisen. Sie imitiert das Geräusch von Sirenen. „Wie eine Bombenwarnung.“ Ich schweige.
„Ich höre überall die Bomben, weißt du, wie laut Bomben sind?“ Ich verneine.
Sie sagt: „Sehr laut.“ und schweigt auch. „In den Zügen sitzen Tausende von uns. Uns ist kalt und es ist eng und wir hören nichts außer unserem Atmen und wieder Bomben. Dagegen sind diese Schnellbahnen in Tokio nichts, die habe ich im Fernsehen gesehen.“
Ich habe nie einen Krieg gesehen, aber sie zwei.
Innerhalb von drei Monaten hat sie sich den Beckenknochen gebrochen, dann ein Bein, dann noch eines. Dann ist ihr Körper kaputt gegangen und der Bauch bläht sich durch eine Wasseransammlung auf wie die Backen eines Froschs, während alles andere weiter abmagert.
Später gibt es nur noch Wasser.
Überall Wasser und überall Wunden.
Innen und außen.
Ich habe das nie gesehen.
Ich habe sie lange nicht gesehen.
Als mein Anrufbeantworter anspringt, höre ich sieben Nachrichten ab.
Die erste ist von meinem Vater: „Es geht ihr schlecht, wir müssen sprechen.“ Danach: „Es geht ihr immer schlechter, bitte komm.“
Es folgen vier weitere. Der letzte Anruf:
„Sie ist tot, eingeschlafen.“ Das war zwei Wochen nach ihrem Tod.
Durch ein Vergrößerungsglas aus Kunststoff sieht mich ihr Auge an.
Es ist nicht blau und die hängende Haut ihrer Lider verdeckt es zum Großteil, aber es ist groß.
Fast so groß wie mein Kopf.
Sie ist nicht eingeschlafen, das war eine Lüge.

 

János Spindler

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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