156

Als ich am 24. April 1989 das Haus verließ, setzte ich den Kopfhörer auf und schaltete die Musik ein. Das war nichts Außergewöhnliches, denn ohne meinen Sony-Walkman ging ich damals keinen Schritt. Ich liebte dieses Gerät. Im Rucksack machte sich das Gewicht der Bücher bemerkbar, die ich gestern aus der Bibliothek mitgenommen hatte und so überlegte ich kurz, ob ich das Fahrrad aus dem Keller holen sollte. Andererseits war das Wetter perfekt, ein sonniger Frühlingstag; der gesamte Nachmittag lag vor mir, im Walkman steckte ein neues Mixtape, das mir ein Freund aufgenommen hatte und auf das ich sehr gespannt war. Eine kurze Überlegung, mit dem Rad würde ich zehn Minuten für die Strecke benötigen, zu Fuß etwa 45 Minuten. Bei einem Spaziergang würde ich entspannt die neue Musik anhören können. Das Gartentor schepperte, als es hinter mir zufiel und ich machte mich auf den Weg. Zu Fuß. Eine Entscheidung, die ich bis heute bereue.

Ich war auf dem Weg zu meinem Vater. Die Bücher aus der Bibliothek waren für ihn, denn er konnte sie sich nicht selbst ausleihen und ihm war langweilig in seinem Krankenhausdoppelzimmer. Wir hatten schwierige Zeiten hinter uns, wie das eben ist, wenn aus Kindern junge Erwachsene werden, die beginnen, Autoritäten anzuzweifeln. Es waren keine einfachen Jahre gewesen, für uns beide nicht. Jetzt war ich zwanzig, fast mit der Schule fertig und kurz davor, das Zuhause zu verlassen. Er war 54 und hatte Lungenkrebs im Endstadium. Das Krankenhaus lag genau am anderen Ende unserer kleinen Stadt.

Es war eine 90er-Kassette, die ich hörte, so dass die eine Seite genau für die Strecke reichte. 45 Minuten. Als ich das Krankenhaus betrat, schaltete ich das Gerät aus und ging den inzwischen schon vertrauten Weg zum Zimmer meines Vaters, der es sich mit einem älteren, etwas verwirrten Herrn teilte. Der typische Geruch nach Desinfektionsmitteln, Essensausdünstungen und Krankheit umfing mich, als ich an die Türe klopfte und nach einem kurzen Zögern, ohne eine Antwort abzuwarten, den Raum betrat. Mein Vater lag nicht in seinem Bett. Er lag auf dem Boden, einen Fuß noch in die Bettdecke gewickelt, die halb herabgerutscht war. Der ältere, etwas verwirrte Mann im anderen Bett saß aufrecht darin, sah mich an und lachte ein völlig irres, meckerndes Lachen. Die Sonne schien durch das Fenster.

Ich holte eine Krankenschwester. Diese sofort einen Arzt. Die beiden verschwanden im Zimmer, während ich an die Wand gelehnt wartete. Und wusste. Mit ernster Miene reichte mir der Arzt die Hand und sprach mir sein Beileid aus. Dann bin ich nach Hause gelaufen und habe es meiner Mutter erzählt. Für die Strecke brauchte ich wieder 45 Minuten, diesmal ohne Musik. Das meckernde Lachen hatte ich immer noch im Kopf.

 

Uwe Kalkowski

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
#1000tode #tod #sterben #trauer


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.