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Sieben Uhr. Dr. Sarah Weinberg zwängte ihren Wagen in den letzten freien Parkplatz vor dem Institut. Bestens gelaunt gelangte sie in ihr Arbeitszimmer. Mit ihren achtundvierzig Jahren hatte sie das Gefühl, alles Wichtige erledigt zu haben, und das ließ sie stolz und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Sie fand sich attraktiv. So auch jetzt, als sie in den Spiegel blickte und Wasser in den Behälter für die Kaffeemaschine laufen ließ. Augenblicke später verbreitete sich der Duft des Kaffees im Raum. Nun hatte sie Zeit. Um acht Uhr erst sollte ihr Dienst im Seziersaal beginnen. Eine lästige Pflicht für jeden Pathologen, doch für Sarah war es nichts Besonderes.

Leise klopfte es an der Tür, die auch sogleich geöffnet wurde. Franz Stejner, der diensthabende Prosekturgehilfe, reichte ihr ein paar Papiere. „Wir haben nur eine Leiche heute.“ „Guten Morgen, Herr Stejner, geben Sie her.“ „Soll ich diese Frau DeGruber auflegen? Wollen Sie gleich damit anfangen?“ „Wie heißt die Frau? DeGruber? Seltsam. Das war der Name meiner Großmutter. Sie hat immer behauptet, dass nach ihrem Tode der Name DeGruber ausgestorben sei. Ein Irrtum offenbar.“

Als Sarah in den Seziersaal kam, lag die Leiche auf dem Tisch. Franz Stejner stand bereit. Sarah beugte sich über die Leiche und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese ihr ähnlich sah. Entfernte Verwandtschaft vielleicht, ging es ihr durch den Kopf. „Wir machen das heute genauer als sonst, Stejner.“ „Wie Sie wollen.“ „Finden Sie, dass mir die Leiche ähnlich sieht?“ Stejner warf einen kurzen Blick auf den Leichnam. „Nein, gar nicht. Soll ich nun aufmachen und die Organe rausholen?“ „Ja, ja, bitte. Aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie schneiden.“ Stejner führte gekonnt seinen Schnitt von der Drosselgrube nach unten bis zum Schambein. Sarah Weinberg konnte diesen Schnitt fühlen. Er bereitete ihr Schmerzen. Und ein weiterer Blick ins Gesicht der toten Frau bestätigte, dass sie wirklich aussah wie sie. Die Ähnlichkeit war nun nicht mehr zu leugnen. Verblüffend. Sarah schien sich selbst auf dem Seziertisch zu haben. „Wir wollen genau schauen, was wir finden!“, rief sie Stejner zu. „Natürlich.“ Schon holte er die inneren Organe mit wenigen Griffen aus dem Körper hervor. Sarah rang nach Atem. Wieselflink präsentierte ihr Stejner das Herz. Sie schnitt gekonnt mit dem Messer hinein. „Herzinfarkt! Was ich dachte!“, rief er. „Und in der Lunge ist auch etwas. Fühlt sich nach einem Karzinom an.“ „Tatsächlich“, flüsterte Sarah. Ein Blick ins Gesicht der Frau gab ihr die Gewissheit: Sie selbst lag auf dem Tisch. Sie obduzierte sich selbst. „Ich heiße aber nicht DeGruber“, stöhnte sie leise. „Haben Sie den Knoten in der Brust getastet?“, gab sich Stejner geschäftig, „die Frau hat auch Brustkrebs.“ „Was, Brustkrebs?“ Sarah war verzagt, drückte mit dem Handrücken auf ihre eigene Brust und meinte, hier auch etwas zu spüren. „Möglicherweise ist der Knoten gutartig.“ „Nie und nimmer“, antwortete Stejner. „Wir wollen uns das Hirn ansehen, vielleicht ist das wenigstens in Ordnung.“ „Wenn Sie meinen.“ Im Nu hatte er den Schädel geöffnet und das Hirn entnommen. „Sehen Sie, das hat nichts!“, rief Sarah euphorisch. „Ja, man sieht nichts. Aber auf der Anweisung stand etwas von Persönlichkeitsstörung.“ „Hier ist jedenfalls nichts zu sehen.“ „Weil der Leichnam bereits entseelt ist.“ Sarah sah Stejner ungläubig an. „Haben Sie öfters solche Gedanken?“ „In vierzig Dienstjahren hat man viel Zeit zum Nachdenken.“ „Und da erkennen Sie keine Ähnlichkeit zwischen mir und der Frau auf dem Tisch? Die sieht doch so aus wie ich, das bin doch ich!“ Stejner stellte sich neben seine Pathologin. „Nein, beim besten Willen, ich erkenne da keine Ähnlichkeit.“ Langsam zog er sich die Handschuhe aus, warf sie auf den Tisch, packte Sarah am Hals und rüttelte sie. „Was machen Sie da? Das hat im Seziersaal keinen Platz, Herr Stejner!“ „Verzeihung, Frau Doktor, dass ich Sie geweckt habe. Aber Sie haben so fest geschlafen“, er blickte auf den Boden, „mir scheint, es ist Ihnen sogar die Kaffeetasse aus der Hand gerutscht. Wir brauchen etwas zum Aufwischen … Und … und wir können mit der Obduktion von Frau DeGruber beginnen.“ „Ja, ja … wir werden das heute ein wenig genauer machen“, murmelte Sarah. „Wie Sie wollen, Frau Doktor.“

 

Heli E. Hartleb

 

 

Aus: Christiane Frohmann (Hg.), Tausend Tode schreiben, Berlin: Frohmann, E-Book, 2014 bis heute
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